Sinn City mit Geschmack

Den folgenden Artikel müsst ihr euch auf der Zunge zergehen lassen und an die zuständigen Rezeptoren weiterleiten. Diejenigen, die die Rezept-Ohren schon aufsperren, müssen wir enttäuschen, so weit sind wir noch nicht.

Anjas Vorwehen hätten sich verstärkt, wenn wir damals bereits einen Reiseführer zur Hand gehabt hätten: „Les Tchadiens consomment beaucoup de viande, mais peu de légume. Au cœur de la cuisine tchadienne se trouve la boule, qu’elle soit de mil, sorgho, riz ou fonio. Le Tchad étant un pays de grande tradition d’élevage, on y mange beaucoup de viande grillée: de la chèvre, du poulet, du mouton, du bœuf, du zébu et plus rarement du dromadaire. (…) La viande tchadienne est d’excellente qualité et n’a rien à envier à la viande argentine“. Dazu kommt der Umstand, dass N’Djaména am Fluss Chari liegt, welchem auch das häufige Auftreten von Fisch in den Gerichten zugrunde schwimmt.

In den ersten zwei Wochen konnten wir an einer Ausbildung für LehrerInnen teilnehmen und das Mittagessen war inklusiv in den 20.- Kurskosten. Das Prinzip der Menus ist, soweit wir das beurteilen können, recht simpel: es gibt etwas wie Boule (Hirse-/Maisbreiklumpen), Reis oder seltener Teigwaren und dazu eine Sauce. Letztere ist dann auch das, was Anja im Voraus (was schwimmt wohl diesmal darin?) und teilweise auch im Nachhinein Bauchschmerzen bereitet. Der erhoffte Effekt des mutigen, herzhaften Reinbeissens (ohoo, das schmeckt ja doch!) ist leider ausgeblieben. Somit stehen wir vor der Herausforderung, mittels Gestik und gegebenenfalls Sprachkenntnissen das Mahl zu würdigen, ohne den Gastgeber zu beschämen, während Simon Anjas Fleisch und gegebenenfalls Anja Simons Salat isst.

„La boule“ haben wir nur so salopp erwähnt. Anja findet diese nahr-, Simon auch schmackhaft. In grossen Mengen im Teller vorliegend kann sie aber eine Herausforderung darstellen.

Ansonsten haben wir in den ersten Tagen mit „Beignets“ und Tee Bekannt- bis Freundschaft geschlossen. Erstere sind  kugelrunde „Schenkeli“ die es hier nicht zur Fasnachtszeit, sondern zum Zmorge und Znüni gibt. Letzteren, handelsüblich in den Versionen „rouge“ und „vert“, haben wir zu Hause versucht nachzuahmen, doch wegen zu zaghafter Zuckerdosenhandhabung gelang uns nur eine Annäherung ans Original.

Extrem handelsüblich ist hier alles, was Erdnüsse enthält (-Paste, -Butter, -Öl). Dagegen ist Milch nur als Pulver erhältlich und Milchprodukte sind rar und teuer. Wir haben aber noch lange nicht alles entdeckt – und wollen auch nicht koste was es wolle alles Entdeckte (z.B. geröstete Insekten) kosten.

Der Akt des Essens an sich verdient hier noch ein paar Zeilen, um seiner erst erahnten Bedeutung annähernd Rechnung zu tragen. Man isst nicht überall einfach so, wenn es einem gerade in den Sinn oder in die Hand kommt. Essen ist ein Gemeinschaftsereignis und findet daher nur dann statt, wenn alle, für die es reicht, anwesend sind. Es ist unanständig bei Hunger oder „Gluscht“ in der Öffentlichkeit, z.B. auf dem Markt, seine Banane zu essen, wenn nicht alle 751 Anwesenden auch eine kriegen. Essen ist auch das „Zentrum“ der Gastfreundschaft. Dazu gehört auch das (sehr teure) „Coca“, das dem Gast gereicht wird. Eine willkommene Abwechslung zum Filterwasser, das wir überallhin mitschleppen um schwimmenden Krankheitserregern zu entgehen. Übrigens: Eisteepulver (classic) teilt gern den Umschlagsplatz mit einem Brief, neben der Fajita-Saucen Gewürzmischung.

By the way: Hat jemand eine Ahnung, woran es einem mangelt, wenn es einem nach dem Sitzen (auf)ständig schwarz vor Augen wird?

 

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt:

Welche pädagogischen, soziokulturellanimatorischen und linguistischen Projekte sollen wir in Angriff nehmen? Wie viel Zeit und Hirnzellen sollen wir dem Tschadarabischen widmen (Intensivkurs, Sprachhelfer, Selbststudium)? Wie kommen wir mit unseren Nachbarn in Kontakt? Wo befindet sich eigentlich der Hauptschalter der Heizung hier im Haus?

N'Djaména – immer der Nase nach

Im Folgenden werden wir beschreiben, wo man hinkommt, wenn man hier in der Stadt der Nase nach geht.

Da wir (noch?) kein Fahrzeug besitzen, hatten wir schon mehrere Male die Gelegenheit auf N’Djaménas Strassen zu gehen. Wir orientieren uns dabei hauptsächlich an den geteerten Strassen (die übrigens jeden Morgen mit dem Besen vom Sand befreit werden). Neben uns Fussgängern gibt es Autos, Mofas, Fahrräder, Pferdefuhrwerke und Handwagen, alles neben- beziehungsweise durcheinander. Einem sehr verbreiteten Duft folgend, wird man auf ungeteerte Nebenstrassen geführt. Der sandige Boden kann den in der ausklingenden Regenzeit fallenden Regen nur sehr langsam aufnehmen. Dadurch bilden sich anseenliche „Günten“ und andere Lachen. Dies führt in Kombination mit Abfall und beträchtlicher Hitze zu einem „Open-Air“-ähnlichen Geruch. Das gleiche geologische Phänomen lässt sogar nüchterne Europäer im Auto tanzen, verursacht also nicht Kopf-, sondern Ganzkörperschütteln.

Folgt die Nase dem Geruch der Abgase, führt sie einen unweigerlich in einen Auspuff hinein. Ein solcher Auspuff gehört sehr wahrscheinlich einem der unzähligen Taxis oder Minibusse, die auf den Hauptachsen unterwegs sind. Beide fahren eine bestimmte (?) Linie, die aber weder auf den Fahrzeugen, geschweige denn auf irgendeiner offiziellen Karte erkennbar ist. Nun hat die Nase die Wahl, ob sie für 40 Rp. die Luft im Taxi mit 6 anderen Nasen, oder für 30 Rp. die Luft im Bus mit 17 andern Nasen teilen möchte. (Solange nicht alle 5 Plätze mit 7 Personen besetzt sind, gilt ein Taxi nicht als voll.) Ein solches Fahrzeug könnte bei den hiesigen Temperaturen durchaus mit einer Schweissanlage verwechselt werden. Um so dankbarer sind wir für die Dusche in unserem Gästehaus, ein Privileg, das wir höchstwahrscheinlich mit einem sehr kleinen Prozentsatz der Stadtmitbewohner teilen.

Wenn man einer bunten Duftmischung folgt, steigt man am besten beim grossen Markt wieder aus. Hier hat auch die Nase Probleme mit der Orientierung und kommt an Datteln und Erdnüssen, rohem und gebratenem Fleisch, Früchten und Gemüse, Gewürzen und Seife vorbei.

Als Vorgeschmack auf einen der nächsten Sinne sei hier abschliessend erwähnt, dass der Geruchsinn zuweilen von Staubkörnern als Tastsinn missbraucht wird.

N'Djaména – unerhört klangbunt

Dies ist der erste Eintrag aus unserer Serie „durch N’Djaména mit den 5 Sinnen“. Wir wollen euch ja nach all den Vorwehen und anderen nicht empirisch basierten Artikeln wortwörtlich sinnvolle Informationen liefern. Erstmals in Ruhe(?) die Stadt wahrnehmen, konnten wir mit dem Gehör, als wir in der Nacht unserer Ankunft im Gästehaus im Bett lagen. Auf beiden Seiten des Zimmers Fenster zu haben, hat seine Vorteile: nicht nur ein bisschen mehr Licht sondern auch – aah – etwas Durchzug. Anscheinend hat jede Medaille zwei Seiten. Die Kehrseite unserer Medaille ist Lärm von beiden Seiten: Generator rechts, Strassenlärm links.

Um Erstere ist man hier froh, da im städtischen Netz nur gelegentlich Strom strömt. Bisher ist kein konsequentes Muster erkennbar, wann wir mit Strom rechnen können. Ausser wenn unser Generator von 19.00 bis 21.00 läuft (allerdings ist es bereits um 18.00 (mit CH-Sommerzeit 19.00) ziemlich dunkel).

Letzterer ist nicht schön „schweizerisch“ geregelt. Daher ist es niemandem zu verübeln, wenn er sich der Hupe bedient, um den anderen Verkehrsteilnehmern mitzuteilen, dass er auch da ist. Die einzige Regel, die konsequent eingehalten wird, ist: Wer in den Kreisel fährt hat Vortritt gegenüber dem Fahrzeug, das im Kreisel ist. Kurz: alle dürfen rein, keiner darf raus.

Des Weiteren sind erstmals noch vor dem Morgengrauen (ca. 04.00) die lauten Laute des Muezzins zu hören. Dazu kommen die herrenlosen, herumstreunenden Hunde, von denen man nicht viel vernimmt, es sei denn, dass sie gerade wenn wir einschlafen wollen an einer Reviergrenze aufeinandertreffen… Die anderen Tierli, die Grillen, sind unseren Ohren schon sympathischer. Hauptsache wir hören nicht eine Mücke, die es irgendwie unter das Moskitonetz geschafft hat. Trotz der Kehrseite haben wir in Anbetracht der Hitze noch keinen Moment daran gedacht, auch nur eines der beiden Fenster zu schliessen und kehren uns kurz nach 04.00 nochmals auf die andere Seite.

Tags sind Handy-Klingeltöne ein vorherrschendes Geräusch. Nicht nur die Teilnehmer, sondern auch der Ausbildner in der Lehrerweiterbildung, an der wir teilnehmen, spazieren ungeniert aus dem Saal, wenn ihr Handy klingelt. Wie es scheint, ist es wichtig das Handy dabei zu haben – weil man es im Schulzimmer eher aufladen kann.

Gewöhnungsbedürftig für unserohrs ist „l’accent africain“: rollendes „r“ und kaum wahrnehmbare Unterschiede zwischen é und e, o und ô, die wir ja schon so nicht gut unterscheiden können. Dazu abgehacktes Reden und Redewendungen, die also nicht im „on y va“ vorkommen: Merkwürdiges aber Vielsagendes wie „ça va un peu?“, „c’est maintenant?“ oder Hochtrabendes wie „tandis que“ und „comme j’ai dit tantôt“.

Abschliessend ist zu sagen, dass wir uns immer freuen, von euch zu hören – wir haben nun auch 2(!) Handy-Nummern und eine Post-Adresse, die per E-Mail-Anfrage erhältlich sind.

Tag 1

Tag 1

 

Also eigentlich Nacht 1. Von wegen trockene Hitze, da haben wir uns etwas Schönes vorgegaukelt. Ob es ein Tropfen war oder einfach kondensierte Luftfeuchtigkeit, was ich spürte, als wir in N’Djaména ausstiegen, ist schwer zu sagen. Jedenfalls ist es feucht hier. Ansonsten: Reise und Einreise liefen wie am Schnürchen, wir wurden herzlich willkommen geheissen und das Gästehaus, in dem wir wohnen ist ganz gemütlich. Trotz Hitze, Feuchtigkeit, Generator und Strassenlärm haben wir gut geschlafen.

Heute morgen, am Tag 2 regnet es gerade. Eigentlich werden wir kurz nach 9.00 abgeholt um die Einreiseformalitäten zu erledigen, aber da es nun kurz nach 10.00 ist, nutze ich die Zeit für einen ersten Blogeintrag auf tschadischem Boden. Und um mir bewusst zu machen, dass die Zeit hier dem Ereignis untergeordnet ist. Also das Gegenteil des helvetischen Konzepts…

Im Prinzip

Ich bin ein richtiger Prinzipien-Mensch. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich nicht all zu gerne Entscheidungen treffe. Und Prinzipien ersparen Entscheidungen. Z.B.: Wenn ich aus Prinzip keine Leggins trage, muss ich mir nicht immer wieder überlegen, ob ich mir vielleicht doch eine kaufen sollte. Sondern ich kaufe aus Prinzip keine, auch wenn ich mittlerweile Leggins teilweise sogar schön finde.

Prinzipien erleichtern mir das Leben. Schön und gut. Aber wann kommt der Zeitpunkt, wo ein Prinzip nicht mehr aktuell oder passend ist? Ist es prinzipiell möglich, Prinzipien über den Haufen werfen? Es ist schliesslich (vermeintlich?) ein Teil meiner Identität und wer schneidet schon gern ein Stück von sich selber ab. Man kann sich schliesslich nur von anderen eine Scheibe abschneiden.

So bereitet es mir denn auch mittlere Bauchschmerzen, dass ich im Hinblick auf den Tschad bereits drei meiner lang gehegten Prinzipen aufgegeben habe. Ohne diese drei Prinzipen fehlt irgend etwas, also eigentlich bin ich überhaupt nicht mehr dieselbe. Oder?

Prinzip 1: Ich trage keine Flip-Flops

Stimmt nicht mehr – ich musste nämlich heute ein Paar kaufen. Meine guten Flip-Flop-Alternative-Schlärpchen gingen nämlich gestern kaputt. Da man im Tschad anscheinend hauptsächlich Flip-Flops trägt (wir sollen für das ganze Jahr 2-3 Paar Socken mitnehmen!), werde ich mich wohl anpassen.

Aber ich habe tatsächlich noch gar nie in meinem Leben Flip-Flops getragen. Okay, zugegeben. Einmal, in Italien in den Ferien, wollte ich nicht barfuss auf die Hafentoilette (das ist wahrscheinlich für alle verständlich). Da hat mir eine Freundin ihre Flip-Flops ausgeliehen und ich habe sie in meiner Not genommen. Aber ich hatte schon damals das Gefühl, dass die nicht bequem sind. Und gerade jetzt, beim Probetragen meiner ersten Flip-Flops frage ich mich:

Werde ich nun für dieses Prinzip bestraft? Muss ich so viele Jahre schmerzende Zehen aushalten, wie ich mich geweigert habe in Flip-Flops zu steigen, bzw. einzufädeln?

Prinzip 2: Ich habe kein Handy

Dieses Prinzip ist noch nicht ganz aufgegeben, aber Simi hat mich schon fast überzeugt, dass ich im Tschad ein Handy brauchen werde. Das hätten dort alle. Und da es in unserer Wohnung(?) kein Strom für Festnetzanschlüsse gäbe und auch das mit dem Internet nicht einwandfrei funktioniere, sei ein Handy wichtig, um Kontakt mit den Tschadern zu haben.

Was soll ich bloss dazu sagen??? Ausserdem habe ich mein Prinzip während meines Frankreichaufenthaltes aus ähnlichen Gründen schon einmal gebrochen.

Vielleicht formuliere ich mein Prinzip einfach um in: Ich habe kein Handy in der Schweiz.

Prinzip 3: Ich esse kein Fleisch

… und weil ich weiss, dass es mir nicht schmeckt, probiere ich es auch nicht. Da dieses Prinzip im Tschad (fast) unmöglich zu halten ist, habe ich es bereits letzte Woche gebrochen, sozusagen als Vorbereitung. Wir waren nämlich bei Eritreern (wie schreibt man das bloss??) eingeladen und es gab richtigen „African Food“. Da das Fleisch schneller auf meinem Teller war, als ich mich auf Pantomimisch verständigen konnte, habe ich es einfach gegessen. Tatsächlich.

Aber geschmeckt hat es also nicht.

Ihr seht, ich bin nicht mehr die Alte (gut, mit meinen 25 Jährchen hätte das auch noch nie jemand von mir behaupten können), aber solange ich noch keine Leggins trage, was sich in diesem Jahr bestimmt nicht ändert, bin ich immerhin noch erkennbar.

lissa ma na`arif kalaam `arab

Ich habe jetzt ja Zeit. Was mache ich da sinnvolles? Genau, ich lerne Arabisch. Da ich mich nicht so auf das Französisch verlassen will (da dies nur die gebildeteren Leute sprechen können), habe ich mir ein „Arabe du Tchad“ Lehrmittel besorgt. Das ganze hat sehr motiviert angefangen, ich meine, es ist ja kein Problem, eine neue Sprache zu lernen. Zum Beispiel für Englisch und Spanisch, da lernt man einfach ein paar Wörtchen, die man sowieso von irgendwoher ableiten kann, und man hat bereits das Gefühl, man könne sich immerhin verständigen. Nun ja, mit germanischen und lateinischen Sprachen mag das ja ungefähr so funktionieren.

Aber dann habe ich herausgefunden, dass die Sprache die ich lernen will, die Verben „sein“ und „haben“ nicht kennt.

 

„Mein Haus ist dort.“ wird folglich zu „Mein Haus — dort.“

 

Als nächstes fand ich dann raus, dass es irgendwie auch keine Personal- und Possessivpronomen zu geben scheint. Statt dessen kleben sie die Personen mit Hilfe irgendwelchen „u’s“ und „i’s“ irgendwo an irgendwelche Wörter an (obwohl die Wörter schon „u’s“ und „i’s“ drinhaben).

 

„Mein Haus — dort“ wird folglich zu „— Haus — dort.“

 

Deshalb ist es durchaus normal, dass ein Satz, der auf Deutsch 5 Wörter hat, in Arabisch nur noch gerade zwei Wörter enthält.

 

Weitere Rätsel ergeben sich durch die Regel, wie man Nomen von der Einzahl in die Mehrzahl verwandelt. Ups, habe ich eben Regel geschrieben? Ich glaube mittlerweile, dass es keine gibt. Ich habe heute systematisch nach einer Regel gesucht, aber es scheint so, als müsste man alle Wörter in der Einzahl sowie in der Mehrzahl lernen.

Hier einige Beispiele:

beet sg. (Haus – müsste das nicht ein Bett oder immerhin ein Beet sein?)

buyuut pl. (Häuser)

 

jawaad sg. (Pferd)

kheel pl. (Pferde)

 

gardi sg. (Wächter)

gardiyiin pl. (Wächter)

 

deef sg. (Besucher)

diifan pl. (Besucher)

 

Gut, wenn ich jetzt so das Deutsche anschaue, scheint das auch nicht ganz einfach und logisch zu funktionieren…

 

Zu all diesen grammatischen Schwierigkeiten kommt noch die Schrift (mich ihrer zu widmen verschiebe ich noch ein bisschen) und die Aussprache. Ich habe immer gedacht, dass wir schweizerdeutsch Sprechenden doch ziemlich alle „krassen“ Buchstaben können (ausser dem Englischen „th“, das auch bei uns sich meist nach „s“, „d“ oder „f“ anhört). Aber auch hier habe ich mich schrecklich geirrt. Da gibt es einen Buchstaben (besser einen „Hals- und Gurgeliverrenker“) der nennt sich „ain“. Um den auszusprechen muss man den Kiefer so weit nach hinten drücken, bis man das grösstmögliche Doppelkinn erreicht und dann versuchen so weit hinten wie nur möglich „ain“ zu sagen. Richtig, es tut sogar weh, wenn man das korrekt machen will! (Im Titel des Textes hat es zwei Apostrophe. Dort müsste man jeweils das folgende “a” wie oben erklärt aussprechen.)

Ansonsten fährt man relativ gut, wenn man es mit Zürcherdialekt probiert. Zum Beispiel das Wort „tayaara“ (Flugzeug) hört sich dann schon ziemlich echt an.

 

Ich höre an dieser Stelle auf, über weitere Besonderheiten dieser Sprache zu schreiben.

 

1. Erzählt meine Schilderungen nicht als „die Wahrheit“ weiter! Ich hoffe nämlich, dass sie das nicht ist und dass sich einige meiner unlösbaren Rätsel irgendwann doch noch lösen werden.

2. Mit jeder weiteren Lektion die ich in Angriff nehme, tauchen weitere unerklärliche Sprachphänomene auf, der Text würde also gar kein natürliches Ende nehmen.

 

Vorwehen zum Zweiten

Als Mann von Vorwehen zu reden fühlt sich eigentümlich an, aber ihr versteht mich ja richtig. Wie dem auch sei, ich schulde euch meine Befindlichkeit (eben nicht die körperliche),  um die wir den letzten Artikel auf Kosten grösserer Länge gekürzt haben.

Ich muss vorausschicken, dass ich schon mal im Tschad war, im schönen Örtchen mit dem Namen Mongo, einige Autostunden und unzählige Schlaglöcher weiter östlich von der Hauptstadt N’Djaména.

Dieses Örtchen ist nicht zu verwechseln mit den „Örtchen“, die in Tschad-Arabisch „wara-beet“ heissen (wörtlich übersetzt: hinterm Haus, ein treffender Ausdruck für diese WCs ohne „W“).

Damals, im Sommer 2007, machte ich ein Praktikum in Sprachforschung, da ich ja Allgemeine Sprachwissenschaft studierte. Es ging um „Ubu“, eine der ca. 135 Sprachen (untereinander teilweise nur so nah verwandt wie Chinesisch und Russisch), die von ca. 6000 Leuten (den „Ubis“) in ein paar Dörfern gesprochen wird. So bin ich bereits in den Genuss von tschadischer Gastfreundschaft und Kulinahrung (frischer Honig zum Selber-Kauen, geröstete Termiten…) gekommen, habe das Fussballspiel zweier Lokalmannschaften von Mongo (während dessen sich Esel auf das Spielfeld verirrten) gesehen und habe gelernt, mit dem begrenzten Strom auf dem Labtop in meinen Mails die Worte bedacht zu wählen, während ich die Kilobytes zählte um nicht den Mailverkehr via Funk zu überlasten. Ebenfalls habe ich damals zu dem, was ich aus dem Uni-Arabischstudium mitbringe, auch die ersten Tschadarabischen Brocken gelernt (der Dialekt-Unterschied ist ganz schön gross).

 

Somit ist mir das Ganze nicht ganz so fremd wie Anja. Dennoch glaube ich, dass es eine herausfordernde Sache wird. Und das wollten wir ja.

Neu wird für mich dann das Leben in N’Djaména. Zu meiner Ernüchterung musste ich kürzlich vernehmen, dass diese Hauptstadt nach Luanda (Angola) und Tokyo die dritt teuerste für Ausländer sei. Dies gemäss einer Studie von „Mercer“: http://www.mercer.com/press-releases/1311145

Die Erklärung dafür ist, dass insbesondere das Wohnen extrem teuer ist. Der Tschad hat wie Angola einen Ölboom erlebt seit 2003 im Süden Erdölfelder erschlossen worden sind. Weil damit innert kurzer Zeit viele gutbetuchte Ausländer kamen, sind Hotels, Restaurants und Import-Luxus-Güter knapp – und damit den „Marktgesetzen“ entsprechend teuer. Diese Erklärung schreibt die Konkurrenz von „mercer“, „the economist“: http://www.economist.com/blogs/newsbook/2010/06/africas_expensive_cities

Da wir aber noch nie etwas von Hilton hielten, werden wir uns nicht auf so teure Betten betten und hoffen, dass „the economist“ Recht hat in Sachen teure Stadt. Dort erschien N’Djaména nämlich 2010 nicht einmal auf der Liste.

Doch was bleibt, ist die Frage, wie nahe an der einfachen Bevölkerung ich leben kann ohne überfordert und nicht mehr besonders arbeitstauglich zu sein. Jedenfalls wünsche ich mir „nahe“ Begegnungen und bin sicher, dass dies viele Unannehmlichkeiten und Herausforderungen wert ist.

Apropos Herausforderung: Wie sieht das Eheleben aus, das ich nun seit über einem Jahr so geniesse, wenn Geschlechtertrennung an der Tagesordnung ist? Wir wollen uns auch als Paar herausfordern lassen, aber eigentlich haben wir uns das anders vorgestellt ; )

Herausfordernd finde ich im Moment auch den Gedanken, nicht wirklich zu wissen, was ich dann dort machen werde. Werde ich einen Weg finden, mich einzubringen, mich nützlich zu machen? Gelingt es mir, den Anteil „Schweizer Kultur“ bei dem, was ich vermitteln darf, gering zu halten? Und das alles auf Augenhöhe, in irgendwie ausgeglichenen Beziehungen? Und das obwohl ich relativ extrem bleich bin unter Tschadern und „nicht aus meiner Haut kann“? Fragen über Fragen…

 

Simons Befindlichkeit zusammengefasst

Ich blicke gespannt und voller Erwartung auf das kommende Jahr. Ich will mich mutig mich darauf einlassen, auf die vielen Fragen Antworten zu herauszufinden. Und nicht zuletzt wollen wir in dieser Zeit auch herausfinden, wie es für uns weitergeht nach diesem Jahr.