Le Grand Concours zum Zweiten

Bardai, 4. März 2016: 27 Mädchen und Jungs, junge Frauen und Männer schreiben konzentriert einen Text. Das Thema des Aufsatzes im Schreibwettbewerb lautete: Was ist eigentlich ein Tubu?

Gar nicht so einfach zu beantworten. Vor allem, wenn man hauptsächlich Tubus kennt und nicht besonders viel von der Welt gesehen hat. Aber irgendwann kam auch noch der Letzte ins Schreiben rein und nach ca. drei Stunden hatten alle ihre Seite vollgeschrieben. Richtig gelesen, drei Stunden für eine Seite! Ich dachte, wir kämen nicht mehr nach Hause an jenem Abend. Aber so ist es, wenn Leute schreiben, die sich das nicht gewohnt sind.

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Vier befreundete Tubus aus Libyen, die ein ähnliches Bildungszentrum haben, kamen extra hierher, um die Aufsätze zu bewerten und um bei der Preisverleihung dabei zu sein und sie zu filmen.

Die Preisverleihung war sehr gut besucht, es gab Reden von verschiedensten Leuten und die obligaten Siegerfotos. Nebst den Concours-Teilnehmenden waren auch deren Freunde, Geschwister und Eltern sowie eine Reihe Würdenträger aus Bardai dabei.

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Alles in allem ein voller Erfolg. Mit einem kleinen Patzer: Im ganzen Rummel ging es unter, die Siegertexte vorzulesen.

Das hat unseren Freunden aus Libyen einfach keine Ruhe gelassen, so dass sie eines morgens in die Schule gingen und dazu aufriefen, am Nachmittag ins Zentrum zu kommen, wo dann die Texte noch vorgelesen werden würden. Zu unserem grossen Erstaunen war das Zentrum gerammelt voll. Es war eine gespannte, ernste Stimmung. Die Sieger lasen ihre Texte vor und anschliessend stellten ihnen die Libyer Fragen zu Sprache und Kultur der Tubus, die sie vor laufender Kamera beantworteten. Nach und nach wurde die Stimmung lockerer. Nach der Interviewrunde hielten die Libyer noch einmal diverse Reden, bis die Runde dann geöffnet wurde und manch einer, beschwingt von der enthusiastischen Atmosphäre, eine spontane Ansprache hielt.

Ehrlich gesagt, wir „Weissen“ waren alle baff. Da waren über 120 Leute freiwillig im Zentrum versammelt und diskutierten gemeinsam über die Wichtigkeit ihrer Sprache und Kultur, sowie über die Notwendigkeit von guter Bildung. Und das alles, ohne dass einer von uns „Weissen“ (in den Augen der Tubus sind wir übrigens rot!) irgendetwas dazu beigetragen oder initiiert hätte.Spontanveranstaltung 1Spontanveranstaltung 2

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Das lässt sich nicht allein dadurch erklären, dass man Bildung doch einfach gut finden muss. Unsere libyschen Freunde vertreten ihr Anliegen mit herzhaftem Enthusiasmus – und mit eindringlichem Ernst. Denn die Lage ist ernst: In Libyen blicken sie einerseits der militärischen Bedrohung und andrerseits der sprachlich-kulturellen Beeinflussung von arabischer Seite und der fundamentalistischen Unterwanderung, direkt ins Auge.

Das Tubugebiet erstreckt sich über die Länder Niger, Tschad und Libyen. In letzterem Land herrscht Bürgerkriegszustand. An der nördlichen Aussengrenze des Tubugebiets (Sebha, Kufra, bis vor kurzem auch in Awbari) finden täglich Kämpfe zwischen Tubus und arabischen Milizen statt, einige der arabischen Milizen unterstützt der IS mit Waffen. Den Tubus ist teilweise der Zutritt zu Universitäten verwehrt, sie haben keine Sitze im sich im Aufbau befindenden Parlament und werden allgemein wegen ihrer dunklen Hautfarbe verachtet. Die libyschen Araber, so berichten unsere Freunde, vertuschen und ändern geschichtliche Ereignisse und stellen die Konflikte in den Medien natürlich sehr einseitig dar. Die Tubus dagegen sind unbekannt, ihre Stimme verhallt ungehört, doch sie sind für eine riesige Region von grösster Wichtigkeit. Sie bilden eine Art Damm zwischen dem arabischen, teilweise extremistischen Einfluss im Norden der Sahara und dem subsaharanischen Afrika. Die Tuareg, eine vergleichbare Volksgruppe in Mali, Niger und Algerien, haben sich leider bereits mit Al Kaida im Maghreb (AQMI) verbündet, Boko Haram wütet in Nigeria, Niger und im Norden des Kameruns, die Regierung im Sudan ist arabisch-nationalistisch. Der Tschad ist in der Region das einzige Land, das (abgesehen von ein paar Anschlägen von Boko Haram in der Tschadseeregion) frei von terroristischen Gruppen ist. Dies einerseits wegen der klaren Haltung des Präsidenten, der auch Truppen seiner starken Armee in andere Länder zur Bekämpfung von Terrorismus schickt (so in Mali gegen AQMI und in Nigeria, Kamerun und Niger gegen Boko Haram). Andererseits weil die Tubus als ein stolzes, freies Kriegervolk militärisch und ideologisch den Damm gegen Norden bilden. Aber wie lange noch?

Bardai, unsere Oase, ist das kulturelle Zentrum der Tubus. Was hier passiert, hat Ausstrahlung auf das ganze Tubugebiet. Darum filmten unsere Freunde aus Libyen die Ereignisse um den Schreibwettbewerb, um ihre Leute in Libyen zu motivieren, ihre Sprache und Identität zu bewahren. Denn der Damm hält nur so lange, wie sie an ihrer sprachlichen und kulturellen Identität festhalten und mit vereinten Kräften den Angriffen standhalten.

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Dieser Eintrag, der eigentlich von einem sehr freudigen Ereignis handelt, ist nun sehr ernst und sogar politisch geworden. Wir versuchen euch den grösseren Kontext zu beschreiben, damit ihr einerseits besser verstehen könnt, weshalb wir so begeistert sind von unserer Arbeit und andererseits, weil die Tubus in der Welt keine Stimme haben. So wollen wir doch immerhin unser feines Blogstimmchen erheben. Voilà. Ihr habt es jetzt gehört!

 

PS: Auch wenn die Lage besonders in Libyen besorgniserregend ist, können wir euch versichern, dass es uns sehr gut geht und wir kurz vor der Ernte unseres letzten Kolleräblis und der ersten Tomaten stehen.

Interview mit unseren Gästen

Vier Besucher haben die beschwerliche Reise zu uns auf sich genommen, und viele von euch haben ihr Gepäck „beschwert“. Allen danken wir ganz herzlich!

Nach gut einer Woche hier haben wir unsere Gäste befragt. Natürlich hat die Tschapdate-Redaktion die Fragen Monate im Voraus ausgebrütet und den Befragten zur Vorbereitung zugestellt. Wie es die Regeln der Kunst erfordern, sind die Antworten anonymisiert. Dabei sollen aber das Geschlecht und die Beziehung zum einen oder anderen Redaktionsmitglied erkennbar bleiben.


Tschapdate:

Was kannst du in drei Sätzen über die Reise sagen?

Dini Muetter:

  1. In erster Linie ist es eine ganz lange Reise durch total verschiedene Wüstenregionen. Wir fuhren jeden Tag zwischen 10 und 12 Stunden und kamen nach gut 3,5 Tagen auf der Oase an.
  2. Auf der Reise haben wir sehr viel erlebt, insbesondere wie unkompliziert man leben und sich ernähren kann.
  3. Wir hatten wenig Platz im Auto (waren vier Sardinen auf der Rückbank), aber durch systematische Stellungswechsel gab es immer für alle ein Plätzchen.

Die 2000 km würde ich wieder machen. Aber man muss wissen, dass man dafür 4 Tage braucht und an seine Grenzen kommt.
Aber: In der Wüste draussen hab ich unglaublich gut geschlafen!

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Tschapdate:
Was für Tiere habt ihr gesehen?

Din Vatter:
Ganz viele Exemplare von meinen Lieblingstieren: Esel! Aber auch Kamele, meine zweitliebsten Tiere. Ausserdem Wüstenkühe (hagere Kühe mit riesigen Hörnern), Ziegen, Schafe, Gazellen, Geckos, Skorpione (also alle ausser ich haben sie gesehen), Kakerlaken, Spinnen, Junichäferli, extrem viele Fliegen, Raben (einiges magerer als bei uns), ein paar schöne Vögel, riesig grosse Hummeln und erstaunlicherweise auch Libellen.

 

Tschapdate:
Du hattest ja Bedenken, dass die Sache mit dem Essen ganz schwierig wird. Wie war es nun?

Mini Muetter:
Grundsätzlich haben wir sehr gut gegessen. Jeden Morgen gab es frisches Brot und ein feines Birchermüesli, dazu Fruchtsaft und Nescafe. Zu den Hauptmahlzeiten wurde uns sogar Gemüse aus dem eigenen Garten serviert! Speziell ist, dass der Reis oder die Nudeln auf eine Platte kommen, die Sauce obendrauf und jeder isst dann mit einem Löffel von seiner Seite her auf die Mitte zu. Das Ganze findet am Boden statt.

Kurz: Wir haben so gut gegessen, dass ich meinen mitgebrachten Röstivorrat nicht antasten musste.
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Tschapdate:

Was war dein bestes Fotosujet?

Min Vatter:
Für jemanden, der gerne fotografiert, ist die Umgebung hier ein Paradies! Die bizarr geformten Felsformationen laden regelrecht zum Fotografieren ein. Dazu kommt das Licht, das morgens sanft und rötlich ist, abends aber durch ein kräftiges Gold das Lavagestein ganz dunkelbraun erscheinen lässt. Es ist einfach extrem malerisch und schön, ausserordentlich faszinierend. Es bieten sich laufend neue Sujets an. Es ist endlos, man könnte wochenlang fotografieren und würde immer noch ein schöneres Sujet finden. Ich habe das Schönste also noch nicht gefunden.

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Tschapdate:

Welche Begegnung beeindruckte dich am meisten?

Dini Muetter:
Die Begegnung mit einer Frau, die wir besuchten.
Die Herzlichkeit dieser Frau war der Hammer und hat mich überwältigt. Gleichzeitig hat mich die Matte, auf welcher ich sitzen sollte, angeekelt.
Diese Frau hat ihr ganzes Haus selber gebaut. Während unseres Besuchs hat sie in der Küche im grössten Rauch ihr Dattelmus gekocht und gleichzeitig noch auf etwa 8 kleine Kinder aufgepasst und das alles in einer unglaublichen Gelassenheit. Es ist schwierig zu erklären. Aber irgendwie hat sie eine besondere Würde ausgestrahlt.

 

Tschapdate:
Was für ungewohnte Geräusche hast du im Tschad gehört?

Min Vatter:

  • Verschiedene Notstrom-Aggregate (Generatoren)
  • Die Laute von Geckos – irgendwie ein spezieller Ruf
  • Meine liebste Geräuschekulisse zu jeder Tages- und Nachtzeit, als Konkurrenz zum Muezzinruf: Die Esel
  • Ein angenehmer Muezzinruf in der Stimmlage von Jonny Cash
  • Der 157x wiederholte Refrain der Tubulieder auf der Reise (wir nannten sie „D’Schlierenerchind“)
  • Unbekannte Wortfetzen der Tubusprache
  • Das dumpfe Geräusch des Mörsers aus den benachbarten Häusern

 

Tschapdate:
Was sind drei Charakteristiken der Tubus?

Min Vatter:
Rein äusserlich fallen sie auf durch ihre Grösse. Sie sind drahtig und dunkelhäutig, vor allem durch den Kontrast zum weissen Turban.
Ich erlebte sie als überraschend freundlich.
Sie strahlen ein Selbstbewusstsein aus und haben Fähigkeiten sich in der Wüste zu bewegen, dort zu leben, sich zu orientieren, die wir als Schweizer definitiv nicht haben.

Sie haben eine besondere, für unsere Ohren lustige Sprache mit einem Klicklaut. (Anm. der Redaktion: Es gibt keine Klicklaute, doch es gibt eine Art Schnalzen, womit der Zuhörer nur eines ausdrückt: Er schnallt’s.) Die Sprache ist nicht melodiös, klingt eher rau und irgendwie hart. Passend zum Klima.

 

Tschapdate:
Welche Tipps und Tricks für den Haushalt hast du entdeckt?

Dini Muetter:
Ich habe gelernt: Sand ist das Wasser der Wüste! Löffel und Pfannen und alles Geschirr wird unterwegs einfach mit Sand abgewaschen. Anfangs war ich schlicht sprachlos! Und dass man auf der Reise den aufgerissenen Nudelpack einfach über dem Feuer wieder verschliessen kann, hat mich auch beeindruckt.
Ich wusste auch nicht, dass man mit einem halben Eimer Wasser duschen und Haare waschen kann.

 

Tschapdate:
Was gefällt dir besonders am Leben auf der Oase und an ihren Bewohnern?

Din Vatter:
Man muss nicht überlegen, ob man die Wäsche draussen oder drinnen aufhängen muss.
Man kann unter dem Sternenhimmel schlafen und dadurch, dass man oft Tierrufe hört, fühlt man sich der Natur sehr nahe.
Die Leute sind extrem vielseitig, können aus allem etwas machen. Jeder kann ein Haus bauen, ein Auto flicken und Ziegen halten.

 

Tschapdate:
Was würde dir am meisten Mühe machen?

Dini Muetter:
Das Leben am Boden würde mir Mühe machen, da ich zu wenig fit bin. Und mit dem Abwaschen mit kaltem Wasser kann ich mich nicht anfreunden. Doch das Schwierigste wäre für mich das Einkaufen.

 

Tschapdate:
Wie muss man sich dieses Zentrum, von dem Simanja immer erzählen, vorstellen?

Min Vatter:
Also das ist ein grösseres Gebäude, in zwei Räume aufgeteilt. Im einen Raum ist eine Bibliothek eingerichtet und es hat Tische und Bänke, eine Wandtafel und ein Kopiergerät. Der andere Raum dient zum Unterrichten.
Was auffällt ist, dass das Zentrum in der Stadt und in der Umgebung bekannt ist und man darüber redet, was dort gerade so läuft. Es scheint einen positiven Einfluss zu haben und zum Lernen zu motivieren. Offenbar entspricht das Zentrum einem Bedürfnis: Die Leute nutzen die Angebote des Zentrums, sind auch bereit für die Kurse zu zahlen.
Wir konnten dabei sein, als der grosse Schreibwettbewerb stattfand. Fast 30 Frauen und Männer haben Geschichten in Tedaga geschrieben und ich war überrascht, mit welcher Disziplin und Ernsthaftigkeit sie sich an diese Aufgabe gemacht haben. Aber auch wie langsam sie vorwärts gekommen sind. Sie brauchten ca. 3 Stunden um ein Blatt voll zu schreiben.

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Tschapdate:

Wie geht’s eurer Enkelin?

Mini Muetter:
Blendend! Alle Bedenken, dass das Kind ohne Spielzeug nicht gefördert werden könnte, sind komplett verfehlt. (Abgesehen davon, dass sie Spielzeug hat …)
Sie lernt so viel hier! Sie wechselt zwischen verschiedenen Kulturen, lernt verschiedene Sprachen, wird motorisch gefördert, usw. Sie ist überall dabei, man kann sie vieles einfach machen lassen, was in der Schweiz so nicht möglich ist. (Die durchlässige Plastikmatte auf dem Sandboden erträgt einfach viel mehr, als ein Spannteppich oder Parkett.) In dieser grossen Freiheit kann sie sehr viel lernen.
Sie wird von den Leuten geliebt, manchmal einfach gepackt und mitgenommen – das hat mich beeindruckt.

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Tschapdate:
Und was wolltest du sonst noch sagen?

Dini Muetter:
Eine Frau sagte heute: „Das ist aber sehr gut, dass ihr den Ort besucht, an dem eure Kinder wohnen!“ Das hat mich gefreut und natürlich auch bestätigt, dass es gut war, diese Reise zu machen.

Mini Muetter:
Mir hat es mega gut gefallen. Aber ich wäre massivst herausgefordert, wenn ich hier leben müsste. Mein Respekt für euch, dass ihr hier lebt, ist eher noch grösser geworden. Ihr habt nicht ein Leben in Entbehrung, aber ihr nehmt viel auf euch, dass ihr hier leben könnt.
Vieles ist unkomplizierter, aber das Leben an sich ist aufwändig. Das ist nicht zu unterschätzen. Dazu kommt ein Stück Einsamkeit, weil man halt fremd ist hier. Mit dem muss man leben können.

Dini Muetter:
Mir gefallen die Häuser. Die sind durchdacht, zweckmässig und schön. Auch wenn es von aussen irgendwie nicht nach etwas aussieht. Erst mit der Zeit realisierte ich, wie schön die eigentlich sind.

Din Vatter:
Mich beeindruckte ganz stark wie sie reagierten, wenn sie herausfanden, dass ich nicht nur irgendein Verwandter, sondern tatsächlich dein Vater bin. Sobald das klar wurde, drückten sie mir die Hand gerade noch einmal. Wie sie die Familie wertschätzen, da könnten wir uns ein Stück davon abschneiden.

Dini Muetter:
Viele Frauen kamen, um uns frisch Angekommene zu begrüssen. Nur gingen sie immer ganz plötzlich und ohne Verabschiedung. Das scheint hier normal zu sein.
Und ich fühlte mich immer willkommen, wenn wir mit dir ein Haus betraten. Meist wurden uns sofort ein Glas Fruchtsaft, Wasser und Dattelmus serviert.

Mini Muetter:
Ohne euch hätten wir keine Chance, uns hier auf der Oase oder in der Hauptstadt zurechtzufinden. Man kann sich nicht einfach bedenkenlos bewegen. Die Freiheit, die wir kennen, gibt es hier nicht.

Min Vatter:
Ich wollte dich und deine Familie besuchen um zu sehen, wie es hier wirklich ist. Es hat mich aufgestellt, dass es euch wirklich gut geht und ich mir keine Sorgen machen muss, ob ihr auch zu essen oder genügend Wasser habt. Obendrauf kam noch diese coole Reise, das Kennenlernen des Zentrums usw.
Das einfache Leben gefällt mir eigentlich. Aber es ist langsam und ineffizient. Doch das gehört irgendwie zum ganzen Leben und wird normal.

Es ist eine Horizonterweiterung, aus der wohlgeordneten Schweiz in einen afrikanischen Wüstenstaat zu wechseln und zu sehen, wie man hier auch leben kann. Zustimmendes Kopfnicken allerseits.
So etwas kann ich jedem empfehlen! Das sprengt einfach die Grenzen.

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Le Grand Concours

Nein – es geht nicht um den grossen Konkurs, sondern um den grossen Schreibwettbewerb, der zur Zeit einen grossen Teil unserer Arbeit (und Freizeit) ausfüllt. Vor vier Jahren haben wir hier in Bardai zum ersten Mal einen Schreibwettbewerb in Tedaga veranstaltet. Schon damals hat er guten Anklang gefunden. Mittlerweile ist er um einiges gewachsen und vor allem viel seriöser geworden.

Dem Gewinner winkt eine hohe Preissumme, was sicher ein Ansporn ist, um da mitzumachen. Allerdings muss man eine kleine Einschreibegebühr bezahlen, an fünf obligatorischen Kursen teilnehmen, obligatorische Hausaufgaben lösen und beim Diktat- und Leseverständniswettbewerb mitmachen, damit man schlussendlich einen Aufsatz schreiben darf.

Den obligatorischen Kursen gingen vier freiwillige Anfängerkurse voraus.

So sind wir nun dran, seit Mitte Januar diese Tedaga Grammatik- und Rechtschreibekurse zu machen. Sehr trocken und unspektakulär, aber ziemlich anspruchsvoll. Umso anspruchsvoller sind sie für uns, denn unser Sprachniveau ist noch weit weg von jemandem der unterrichten sollte … Daher müssen wir sehr viel Zeit für die Vorbereitung investieren und brauchen die Unterstützung der einheimischen Mitarbeiter.

Wir haben eine Truppe von 28 Leuten, die extrem zuverlässig und motiviert von allem Anfang an dabei ist. Sogar die sehr guten Leser und Schreiber sind in die Anfängerkurse gekommen. Viele sind Schüler, aber es hat auch ein paar Hausfrauen dabei.

Gleichzeitig unterrichtet Anja den Tedaga-Kurs für Primarschüler, da es dieses Jahr auch für sie erstmals einen Wettbewerb gibt.

Nun gut. Vielleicht hört sich dieser Schreibwettbewerb für Schweizer Ohren nicht besonders spektakulär an. Aber man muss bedenken, dass wir hier inmitten der grössten Wüste der Welt sitzen. Der Grossteil der Leute kann weder lesen noch schreiben. Auch für Schüler in der „Kanti“ ist es nicht selbstverständlich, den Satzanfang gross und am Satzende einen Punkt zu schreiben. Und sich eine Meinung zu einer Thematik zu bilden sowie eigene Gedanken zu formulieren, wird hier nicht unbedingt trainiert.

Doch jetzt sitzen da fast 30 Personen, die sich ernsthaft mit der Grammatik ihrer Sprache auseinandersetzen und freiwillig und eifrig Diktate schreiben! Das ist fantastisch!

Das sind die zukünftigen Eltern, die ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen können. Das sind die Leute, die ein Buch zur Hand nehmen können und dessen Inhalt verstehen, weil sie wissen, was Lesen eigentlich ist (Informationen aus Buchstaben rausholen, nicht etwas rezitieren). In Büchern begegnen sie anderen Welten, was ihr Urteilungsvermögen trainiert. Sie sind auch die Autoren der Geschichten, die mit dem schnellen Wandel der Kultur einfach vergessen gehen würden. Es sind die Leute, die sich hoffentlich nicht einfach ohne Nachzudenken von Vertretern extremistischer Ideen kaufen lassen.

25.2.16_1 25.2.16_2_thumb_IMG_2820_1024 25.2.16_3_thumb_IMG_2825_1024Also wir sind begeistert!

Guguus

Hallo, ich bin’s, Junia a.k.a. Wuzaĩ. Mit einem dieser Namen wird mir hier nachgerufen, wenn Papa oder Mama mich durch die Oase tragen. Papa schauten die einen anfangs zwar komisch an, wenn er mit mir unterwegs ist. Doch wenn ich winke, weichen die kritischen Blicke oder die Frage „wo ist denn ihre Mutter?“ mindestens einem Lächeln. Die meisten können es sich nicht verkneifen, zurückwinken. Wo Mama ist? Denks im Zentrum und das ist es auch, was mich motiviert, die letzten Schritte bis zum Zentrum noch selbst zu gehen (Eigentlich könnte ich schon den ganzen Weg gehen, aber meistens habe ich keine Lust und geniesse die Aussicht. Mal sehn, wie lange die Eltern mich noch ertragen.) Die Leute im Zentrum kenne ich langsam, die sind ganz nett. Aber das coolste ist, dass es dort unendlich viele Bücher gibt, die mir Papa oder Mama erzählen, wenn ich sie ihnen bringe. Ganz gerne habe ich Bücher über Tiere.

2.2_8.Feb_16thumb_P2012180_1024Viel lieber aber sehe ich die Tiere live. Die Schafe meines Tubugrosis sind nur zwei Türschwellen und eine Minute geradeaus stolpern von zu Hause entfernt. Wenn’s mir zuhause zu bunt oder zu eintönig oder zu sonstwas wird, ist ausser Schafwandeln nichts mehr von mir zu „Wollen“. Die Schafe kennen mich mittlerweile. Nicht zuletzt, weil ich ihnen oft den Rüstrest und so bringe. Sonst gibt’s für sie zähe Palmwedel, Trester von der Hirsebierproduktion im Quartier nebenan oder Datteln. Und Schafe können ja Zellulose verwerten, gell, weiss jedes Kind, oder sicher jedes Coop-Kind. Aber auf die Idee, ihnen deshalb Karton zum Fressen zu geben, wäre ich nicht gekommen. Kürzlich habe ich doch tatsächlich das Tubugrosi auf dem Markt Kartonkisten sammeln sehen.

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 Schaf isst Karton

Jeden Morgen darf ich also mit Mama oder Papa raus zu den Schafen, wo auch das Tubugrosi sitzt und sich in der Sonne aufwärmt. Sie hat mir auch das schöne Auto gebaut, mit dem ich den Schafen das Futter bringen konnte – bis es vor kurzem ebenfalls gegessen wurde. Dazu treffe ich da auch die Nachbarskinder und wir spielen mit allerlei Kostbarkeiten, die nette Leute grosszügig auf dem Boden verteilt haben.

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 Junia mit Schaffütterungsauto

Von den Schafen habe ich ein wichtiges Wort gelernt: wenn ich noch nicht genug gegessen habe, sage ich einfach „mäh“. Ich freue mich nämlich unbändig über jede Mahlzeit und kann es jeweils kaum erwarten bis es losgeht. Und in den ersten Wochen hier habe ich auch gemerkt, dass es nicht darauf ankommt, ob ich ausesse: Es ist eigentlich immer schönes Wetter. Und dazu kommt, dass ich sowieso meistens ausesse und dann noch alles aufpicke was so um mich herum liegt. Keine Ahnung, wer das jeweils verstreut. Wenn dann wirklich alles vertilgt ist, gebe ich den Löffel noch lange nicht ab, denn er wird dann direkt zum „Sändeligschirr“.

Ansonsten halte ich meine Eltern busy mit Gaggi, denn nicht alle Exkremente landen im sicheren Hafen um dort einen Pipicacasee zu bilden. Einige enden auch im Kacker-Laken (während die Eltern im Klo auf die Kakerlaken kacken). Wir amüsieren uns aber auch mit Spielen.

Ganz gern habe ich zum Beispiel „Dadaismus und anderä Gugus“. Während ich bei diesem Spiel das Phänomen der Objektpermanenz entdeckt habe, beginnen meine Eltern daran zu zweifeln, weil sie ihre Sachen nicht mehr dort finden, wo sie sie hingelegt haben. Merkwürdig.

Andere Spiele die ich gerne mache sind „hin und her rennen und auf die Kissen in der Stube gumpen“, Tanzen, Basilikum pflücken und kauen (das einzige Gewächs, was ich im Garten behelligen darf), Tschutten, Ausflüge machen und herumklettern, Abfallsammelnundwiederverwerterlis, Trockenübung für den Schneeengel (nach dem Baden frisch eingesalbt mich im Sand wälzen), Deckel Aufschrauberlis und so heiter weiter.

3_3.2._16junia am klettern Klettern

Ein weiteres Hobby von mir ist auf den Markt zu gehen. Was man da nicht alles für Süssigkeiten erhält! Ich habe den Verdacht, dass meine Eltern mir die einfach vorenthalten würden, wenn sie mir die netten Händlerinnen nicht direkt in die Hände gäben. Deshalb halte ich sie auch mit aller Kraft fest oder mache mir so lange am Papierli zu schaffen, bis mein Goifer irgendwo durchdringt und ein süsser Saft zurückfliesst. Und wenn Mama zu Besuch geht, gibt es mittlerweile ein paar Häuser wo ich die Kinder kenne und mich freue, sie zu sehen.

Kurz: Es gefällt mir richtig gut hier!

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Meine Freundin

Ja, und jetzt nimmt es mich halt wunder, was meine Altersgenossen in der Schweiz und anderswo treiben. Schreibt mir doch einen Kommentar, damit ich weiss was bei euch läuft! Oder noch besser: schreibt mir einen Brief, denn wie ihr seht freut mich nichts so sehr wie Post.

Tschühüüss!
Junia

Hochzeit an Silvester

Meine Freundin hat an Silvester geheiratet, zum zweiten Mal. Ihr erster Mann war 30 Jahre älter als sie und kam vor einem Jahr bei einem Minenunfall ums Leben. Mit diesem Mann hat sie eine Tochter, die mittlerweile 2 Jahre alt ist. Ihr neuer Mann ist der 3 Jahre jüngere Bruder ihres ersten Mannes. Dieser hat bereits eine Frau und Kinder in Libyen, sie ist also seine zweite Frau.

Solche Situationen hören sich für unsere Ohren sehr seltsam an, sind hier aber normal. Ich glaube, dass sie sogar glücklich ist, diesen Mann nun geheiratet zu haben. Bei einer zweiten Heirat wird die Frau nämlich nicht mehr „gezwungen“, sondern sie darf mitreden. Sie hätte diesen Bruder also nicht heiraten müssen. Aber was wäre die Alternative gewesen?

Sie kann einerseits beschliessen, allein zu bleiben. Doch als Witwe muss sie selber für ihren Lebensunterhalt aufkommen, was hier in dieser Kultur ganz klar die Aufgabe des Mannes wäre. Nur ein einziges Kind zu haben, ist ebenfalls sehr unvorteilhaft, da ihre Tochter ja eines Tages heiraten und in den meisten Fällen zu ihrem Mann ziehen wird. Dann bleibt die Frau alleine übrig, bis sie hoffentlich bald ein Enkelkind als Hilfe bekommt (ich werde oft gefragt, weshalb ich meine Tochter denn nicht bei meiner Mutter gelassen habe …).

Oder sie könnte versuchen, einen anderen Mann zu finden, der sie heiratet. Doch als Witwe hat sie kaum Chancen, von einem anderen Mann die erste Frau zu werden. Sie hat sozusagen ihren Wert verloren, kann nicht viel „in die Wagschale werfen auf dem Heiratsmarkt“.

So betrachtet, ist es irgendwie ehrenwert, dass ein Mann nun die Verantwortung für die Familie seines verstorbenen Bruders übernimmt.

Im Fall meiner Freundin ist es sogar besonders gut, da die andere Frau ihres neuen Mannes weit weg von hier wohnt und der Mann nun zwischen den beiden Ortschaften hin und her reisen wird. So werden sich die Frauen nicht sehen, womit es keine direkte Konkurrenz gibt und weniger Anlass für Neid etc. Ausserdem kann sie in ihrem Haus, direkt neben ihrer Familie, wohnen bleiben.

 

Geheiratet wird hier meistens zum Zweck und fast nie aus Liebe.

Allerdings kann mit der Zeit manchmal trotzdem Liebe entstehen. Und das ist dann besonders schön.

Warum ich weiss, dass schwarz weiss macht

Die Häuser hier haben weder einen grossen Vorgarten noch gut verschliessbare Türen. Meistens ist das, was die Türe darstellt, den ganzen Tag lang offen oder angelehnt. So kann man überall ziemlich einfach rein, was man aber normalerweise nicht einfach so macht.

Allerdings kennt unsere Tochter diese Regeln noch nicht so genau. So kann es sein, dass sie manchmal, wenn ich KURZ wegschaue, bereits in irgendeinem Haus verschwunden ist. So hab ich sie neulich aus dem Haus meiner Nachbarin rausholen wollen. Wurde aber gebeten doch ein bisschen zu bleiben, wenn ich schon da sei. Da die Nachbarin neben einem Feuer sass und mir sowieso kalt war, hab ich gerne zugestimmt.

Wir sassen in einem fensterlosen Raum, es war beinahe stockdunkel. Als wir so dasassen, hörte ich plötzlich ein Geräusch. Es hörte sich an, wie wenn jemand etwas total Crunchiges, z.B. Zweifel Chips, Ovoguetzli oder Knäckebrot essen würde. Ich dachte, das kann doch nicht sein.

Hier isst nie jemand etwas, ohne den Personen um ihn herum auch etwas anzubieten. Ich versuchte genauer hinzuschauen. Tatsächlich, sie war etwas am Essen, ohne mir davon anzubieten. Was konnte das bloss sein?

Als sie ihre Hand das nächste Mal zu ihrem Mund führte, traute ich meinen Augen kaum: Es war ein Stück Kohle! Und dann gerade noch eins.

Sie zerkaute sie sorgfältig und schluckte sie dann herunter. Wie wenn das normal wäre!

Ich hab sie dann gefragt, wozu sie das mache. Sie meinte nur, dass das weisse Zähne gäbe. Ausserdem essen das die Frauen, wenn sie schwanger sind, wie ich später erfuhr.

Ok. Auf jeden Fall war ich froh, dass sie mir keine Kohle angeboten hat. Was hätte ich denn da bloss wieder für eine Ausrede gefunden …

Frau mit Laptop Kopie
Übrigens: Wer von euch würde so seinen Computer zur Arbeit tragen?

Eau pô(r)table

Vor ein paar Jahren kam das schnurlose Telefon auf. Nach und nach wurden immer mehr Kabel abgebaut. Es kam noch eine Weile vor, dass im InterDiscount nach einem Wirelesskabel gefragt wurde. Mittlerweile gibt es fast überall und immer WiFi oder zumindest 3G. Fast überall.

Aber in einem Bereich sind wir euch hier voraus: Leitungsloses Wasser. Immer und überall zur Hand.Sakan (Wasserkrug)
„Sakan“ heisst das Wunderding hier. Man kann nicht nur überall die Hände waschen,  sondern es dient auch zum Bewässern des frischen Betonbodens oder zum Pflanzen giessen. Die rituelle Waschung vor dem Gebet wird auch damit gemacht. Und nicht zuletzt sollte es eigentlich die Aufschrift „Ich bin auch ein Closomat“ tragen. In der Sprache der Tubus fragt man nämlich so nach der Toilette: „Gibt es hier einen Sakan?“

PS: Die Farben auf dem Bild könnten den falschen Eindruck erwecken, dass es das leitungslose Wasser wahlweise kalt und warm gibt. Ähnlichkeiten mit bekannten Symboliken sind aber rein zufällig und haben keinen Bezug zu realen Temperaturverhältnissen.