Meine Freundin hat an Silvester geheiratet, zum zweiten Mal. Ihr erster Mann war 30 Jahre älter als sie und kam vor einem Jahr bei einem Minenunfall ums Leben. Mit diesem Mann hat sie eine Tochter, die mittlerweile 2 Jahre alt ist. Ihr neuer Mann ist der 3 Jahre jüngere Bruder ihres ersten Mannes. Dieser hat bereits eine Frau und Kinder in Libyen, sie ist also seine zweite Frau.
Solche Situationen hören sich für unsere Ohren sehr seltsam an, sind hier aber normal. Ich glaube, dass sie sogar glücklich ist, diesen Mann nun geheiratet zu haben. Bei einer zweiten Heirat wird die Frau nämlich nicht mehr „gezwungen“, sondern sie darf mitreden. Sie hätte diesen Bruder also nicht heiraten müssen. Aber was wäre die Alternative gewesen?
Sie kann einerseits beschliessen, allein zu bleiben. Doch als Witwe muss sie selber für ihren Lebensunterhalt aufkommen, was hier in dieser Kultur ganz klar die Aufgabe des Mannes wäre. Nur ein einziges Kind zu haben, ist ebenfalls sehr unvorteilhaft, da ihre Tochter ja eines Tages heiraten und in den meisten Fällen zu ihrem Mann ziehen wird. Dann bleibt die Frau alleine übrig, bis sie hoffentlich bald ein Enkelkind als Hilfe bekommt (ich werde oft gefragt, weshalb ich meine Tochter denn nicht bei meiner Mutter gelassen habe …).
Oder sie könnte versuchen, einen anderen Mann zu finden, der sie heiratet. Doch als Witwe hat sie kaum Chancen, von einem anderen Mann die erste Frau zu werden. Sie hat sozusagen ihren Wert verloren, kann nicht viel „in die Wagschale werfen auf dem Heiratsmarkt“.
So betrachtet, ist es irgendwie ehrenwert, dass ein Mann nun die Verantwortung für die Familie seines verstorbenen Bruders übernimmt.
Im Fall meiner Freundin ist es sogar besonders gut, da die andere Frau ihres neuen Mannes weit weg von hier wohnt und der Mann nun zwischen den beiden Ortschaften hin und her reisen wird. So werden sich die Frauen nicht sehen, womit es keine direkte Konkurrenz gibt und weniger Anlass für Neid etc. Ausserdem kann sie in ihrem Haus, direkt neben ihrer Familie, wohnen bleiben.
Geheiratet wird hier meistens zum Zweck und fast nie aus Liebe.
Allerdings kann mit der Zeit manchmal trotzdem Liebe entstehen. Und das ist dann besonders schön.

Fürsorglich ist dieses System doch irgendwie. Ich war auch geschockt, dass in Kirgistan nach 4 Monaten Trauer wieder geheiratet wird.
Hallo ihr lieben drei. Eure berichte sind immer wieder aufs neue spannend u oben genannte bringt mich gerade zu meiner frage – wie kann man euch für hochzeitsdankespost erreichen? 🙂 liebe gruess esther