2. Dezember

Spagatbedingte Fragen

  • Dürfen wir ein Ferienhaus mieten, wenn Tausende Menschen im Tschad dieses Jahr ihr Haus in einem Jahrhunderthochwasser verloren haben? 
  • Ist es vertretbar eine Wüstenspringmaus als Haustier zu füttern, wenn das gleiche Hochwasser rund 20’000 Tiere – die Lebensgrundlage vieler Menschen im Sahel – weggeschwemmt hat? 
  • Dürfen wir unseren Kindern Skifahren beibringen, weil wir das als Teil unserer Kultur weitergeben wollen, wenn wir wissen, dass wir damit die Umwelt belasten und den Lebensraum von den Menschen gefährden, deren Kultur wir stärken wollen? 
  • Dürfen wir eine Abstimmung verpassen, wenn Menschen im Tschad nicht einmal wirklich eine Wahl haben, wenn sie alle 4 Jahre zur Urne gerufen werden? 
  • Sollen wir uns «Jogürtli» gönnen, wenn Menschen im Tschad sich die Pulvermilch aus Europa nur knapp leisten können? Vielleicht nur wenn’s Bio ist? Aber wie ist es mit einem leckeren Dessertquark?
  • Ist es angebracht, irgendwelche Getränke zu KAUFEN und das WC mit Trinkwasser zu spülen während im Tschad den meisten sauberes Wasser genauso fehlt wie hygienische Latrinen? 
  • Sollen wir unser etwas verbeultes, in die Jahre gekommenes Auto durch ein E-Mobil ersetzen, wenn das gleiche Vehikel im Tschad noch jahrelang repariert und gebraucht würde? 
  • Muss ein manchmal klemmender Lichtschalter ersetzt werden, wenn die meisten Menschen im Tschad keinen Strom haben? 
  • Darf ich meinem Kind für mehrere tausend Franken eine Zahnspange machen lassen, wenn im Tschad das Geld für die Prophylaxe von Kinderlähmung und die Behandlung von Malaria fehlt? 
  • Darf ich mich darüber aufregen, dass die Barriere wegen eines Güterzugs geschlossen ist, während der Tschad, das grösste afrikanische Binnenland, keinen Meter Eisenbahnlinie hat? 

Um es schon vorwegzunehmen: wir haben keine Antworten auf diese Fragen. Aber wir teilen in diesem Tschadvent einige unserer Gedanken dazu mit euch. 

EinTaxi beginnt hinten in der Mitte auseinander zu brechen
Tomaten und Salat Markt
Mobiler Verkaufsstand
Poulet zum Mittagessen?

1. Dezember

Tschad – Schweiz, ein Vergleich

Vorweihnachtszeit ist auch Vorwehenzeit. Das war nicht nur für Maria so, sondern auch für uns: Anfangs Januar ziehen wir wieder in unsere Winterresidenz. Wir pendeln nicht als Wochenend-, sondern als Jahresanfangs-Aufenthalter zwischen zwei Welten, die ganz schön (und) unterschiedlich sind: Das erlebt man schon beim komfortablen Start vom Flughafen Zürich und der harten Landung in N’Djamena. The Circle in Kloten, einer der 10 besten Flughäfen der Welt, mit mehreren Parkhäusern, zahllosen Shops und ca. 20 Gates und 3 Pisten, befördert jährlich 36 Millionen Passagiere. 

Der Flughafen in N’Djamena ist da überschaubarer. Eine Piste, ein Gate, ein Café im Innern und eine Gassenküche beim Parkplatz (wo man bereits geländegängige Rollkoffer braucht). Passagierstatistiken: Irgendwo ist von gut 200’000 die Rede. 

So kommt man dann an in einer Stadt, das im Lebensqualität-Ranking (3) auf 226 von 230 ist. Ausgangsort Zürich ist auf Rang 2. Ihr werdet sicher erraten, welches Land im Human Development Index auf Rang 3 bzw. 185 von 188 ist, wessen Lebenserwartung (2) die weltweit niedrigste (53 Jahre) oder sechsthöchste (84 Jahre) ist und wo das durchschnittliche Monatseinkommen (1) pro Einwohner (Kinder mitgerechnet!) gut 6’300 Franken ist, bzw. wo die 30’000 francs pro Monat leider nur 45 Franken wert sind. Quizfrage zum Abschluss: Wo kostet 500g Brot 1.20 Franken und wo nur umgerechnet CHF 1.-? Und nun zur Rechenaufgabe: Wo kostet das benannte Brot gut 2% des Monatseinkommens und wo nur 0,2 Promille? 

Fazit: Kann man sich im Tschad 500g Brot pro Tag leisten? Nur wenn man den ganzen Rest mit 15.- bestreiten kann. Nicht umsonst ist es uns ein Rätsel, wovon Menschen im Tschad leben. 

Kullaha, Laffia, Salaam aleekum und Bienvenue in unserem Spagat als Halbnomaden zwischen unserer schönen Alpenheimat und dem 31-mal grösseren und 20 Grad wärmeren Wüstenstaat, mit nur 3 Millionen mehr Einwohnern und ihren 134 Sprachen. 

Der Flughafen in N’Djamena
  1. https://www.laenderdaten.info/durchschnittseinkommen.php
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Ländern_nach_durchschnittlicher_Lebenserwartung
  3. https://www.ecofinagency.com/public-management/2003-39807-mercer-unveils-its-2019-ranking-of-cities-with-the-highest-quality-of-living

Be-Nässliches und Ge-Nüssliches

Ich, Simon, war kürzlich im Tschad um den nächsten Concours toubou und andere Projekte einzufädeln. Auf dem Hinweg machten zwei Laptops für die Informatik-Kurse von Schweizer Freunden im Tschad den grössten Teil meines Gepäcks aus. Beinahe wären die zwei Geräte auf den letzten Metern noch baden gegangen. Denn die Fahrt mit einem Töfftaxi durch eine Schlammpfütze nahm ein nasses Ende – gut, dass ich den Koffer hochhalten konnte.

Auf dem Heimweg füllte ich den Koffer mit Ge-Nüsslichem fürs #♡tubu-Lädeli. Wir freuen uns auf eure Bestellungen. (NACHTRAG vom 2. November 2022: #♡tubu-Lädeli ist ausverkauft. Bis zum nächsten Mal.)

Erdnussbutter und Erdnüssli

Oasenrückblick

Dankbar blicken wir zurück auf das Kafi Oase. Wir haben uns sehr gefreut über alle, die vorbeigekommen sind.

Und ganz besonders gefreut haben wir uns, dass drei Tubu-Freunde aus der Westschweiz angereist sind und gleich selbst erzählt haben, was sie bewegt.

Offenbar hat es ihnen gefallen, denn diese Fotos fanden wir dann auf Facebook:

KafiOase 2022

Am Sonntag, 28. August ist es wiedermal so weit: KafiOase, das interaktive Café für alle öffnet das Gartentörli. SaharAtmosphäre und Eintauchen ins Oasenleben mit allen Sinnen. Für jedes Alter gibt es viel zu entdecken, erleben und erfahren über die Tubus und unsere Arbeit.

Wir freuen uns, euch nach 4jähriger (whaat?) Pause wieder zu begrüssen. Bis bald!

Ort:
Steinackerstrasse 4, Kradolf.
Für ÖV-Reisende: Vom Bahnhof Kradolf sind es nur 5 Minuten
Für Auto-Mobile: Parkplätze gibt’s gleich nebenan (Neueckstrasse 9)

Programm:
13.30 Uhr:
Hereinspaziert! Der Tee kocht schon.

16.30 Uhr:
Kurze Präsentation: Neues aus unserer Arbeit
Mit den Tubus – für die Tubus und ihre Sprache

19.00 Uhr:
Auf der Oase wird es langsam ruhig

PS: Nur bei gutem Wetter!

Stellt euch mal vor…

…in euer Dorf kommen vier Leute aus dem Tschad. Sie organisieren jedes Jahr einen Schreibkurs für Schweizerdeutsch, obwohl sie selbst nur gebrochen Schweizerdeutsch sprechen. Sie haben eine andere Religion und bringen ihre ganze Familie mit. Das Ende des Schreibkurses ist ein Wettbewerb, wo jeder Teilnehmer einen Aufsatz in Schweizerdeutsch schreiben muss. 

Wer von euch würde sechs Wochen lang jedes Wochenende an diesem Kurs teilnehmen?

Wenn man sich das so überlegt, ist es umso erstaunlicher, dass wir dieses Jahr eine Rekordzahl an Teilnehmer von drei verschiedenen Sprachgruppen hatten. Auch unser Organisationsteam ist wieder gewachsen was sehr schön ist. Vor allem da wir mit diesen Leuten eng zusammenarbeiten und so gemeinsam Probleme lösen und Erfolge feiern dürfen. Das bringt einen näher zusammen. Auch wenn die knapp 20 Leute keine gemeinsame Sprache haben…

Ausserdem ist dieses Jahr das erste Jahr, wo auch verschiedene produktive Sachen im Rahmen des Concours entstanden sind. Das eine sind einige Podcasts in den verschiedenen Sprachen und das andere ist ein Buch, welches die Teilnehmer aus den vorherigen Jahren gemeinsam geschrieben haben. Ein Buch mehr für den Büchertisch, das ist sehr wertvoll! Denn wer will schon eine Sprache lesen lernen, in der es nichts zu lesen gibt?

Das neu entstandene Buch wird präsentiert. Titel: “Dinge, die nicht vergessen gehen dürfen”
Unser Büchertisch mit Büchern in Tedaga, Dazaga und einem ersten Buch in Kanembu.

Aber das wohl eindrücklichste, das in diesem Concours entstanden ist, ist die neu gestaltete Fassade des Kulturzentrums, wo wir uns jeweils einmieten. Alle Teilnehmer konnten etwas an die Wand malen oder schreiben, das ihnen wichtig ist. Aber nicht nur die Teilnehmer vom Concours, sondern auch Passanten, Strassenkinder und Zentrumsmitarbeiter bekamen einen Platz an der Wand. Manche brauchten einen kleinen Schubs, um sich zu trauen, aber schlussendlich war jeder richtig stolz auf sein Bild oder seinen Satz und die Gesichter strahlten über beide Ohren. Geprägt wird die Fassade von zwei tschadischen Vögeln. Einer ist ein ganz kleiner, blauer Schmetterlingsfink. Aber sechs Meter gross steht er neben dem Eingang und trällert stolz sein Lied. Mit dem gleichen frohen und freien Stolz sollen alle Tschader ihre Sprache sprechen! Und der andere Vogel – ein Zugvogel, wird von Buchseiten getragen. Weil man weiterkommt, sich neue Horizonte eröffnen, wenn man lesen kann. Wenn nicht physisch oder im Job, dann aber sicher in seinen Gedanken und hoffentlich auch in seinem Herzen.

Das Kulturzentrum vorher…
… und nachher!

Besonders gefreut haben wir uns darüber, dass jemand unser kleines Zentrum von der Oase (Mosko Hanadii-ĩ) hier auf die Wand gemalt hat! Das schien ihm also auch aus der Ferne noch etwas zu bedeuten!

Hier ein paar Fotos von den verschiedenen Kursen und dem was rundum gelaufen ist. Zum Beispiel die Minibusse, welche Teilnehmer gebracht haben, erste Versuche um das Konzept “Gruppenarbeit” einzuführen, Wiederbelebungsversuch von einem traditionellen Spiel und einem Gerüst das unerwartet mitten im Klassenzimmer stand:

Und zum Schluss einige Fotos von der Abschlussfeier. Für uns interessant ist der Umgang mit einem “Sieg”. Der wird nämlich nicht als etwas persönliches angesehen, sondern es ist der Sieg einer Gruppe.
So hat der Sieger bei den Kanembu mit seinem Preisgeld am nächsten Tag ein Schaf gekauft und ein Festmahl gekocht, das er mit seiner Nachbarschaft geteilt hat.
Der Dazaga Sieger des Wettbewerbs und der, der bei der Verlosung den “Dictionnaire Grand Larousse” gewonnen hat, gehören einer Gruppe Jungs an, die gemeinsam vom Dorf hier in der Stadt ist. Auf dem ganzen Nachhauseweg haben alle 20 Jungs laut geschrien : “On a gagné!” (Wir haben gewonnen!)

Vielen Dank an Cup of Color, für alle diese schönen Fotos! (www.cupofcolor.org)