Zügeltag

Heute haben wir unseren Zügeltag abgezügelt. Also eigentlich ist Streik und alle Beamten, inklusive Lehrer haben die proletarische Pflicht, sich der Arbeitslosigkeit zu widmen. Und es wirkt: die Forderung einer Lohnerhöhung um 100% soll bereits um 20% entsprochen worden sein. Wir arbeiten zwar an einer privaten Schule, doch nachdem bei uns vorgestern bis zur Pause gearbeitet wurde, hiess es, wenn wir weiter arbeiten würden, hätten wir mit fliegenden Steinen zu rechnen. So wurden die lernfreudigen Kinder heimgeschickt und carrément auf Montag vertröstet.

 

Wir nehmen es dennoch als Zügeltag, denn am Montag können wir aus dem Gästehaus in eine WG mit einem amerikanischen Päärchen ziehen. Wir wissen das erst seit Dienstag, aber da wir die Post nicht umleiten müssen (es gibt immer noch keine Briefkästen und –träger, es bleibt also bei unserer Postfachadresse), das Telefon nicht einen Monat im Voraus abmelden und auch sonst keine Ämter aufsuchen müssen, können wir innert einer Woche gut zügeln.

 

Diese Wohnung befindet sich in einem tschadischen Gehöft. Klingt romantisch, oder? Ist es auch. Eine sandbedeckte Veranda, in der wir Matten auslegen werden, kochen auf Gas und im Solarofen, weder Tische noch Stühle, geschweige denn Schränke oder dergleichen. Mit anderen Worten: permanentes campieren auf einem Ein-Stern-Zeltplatz mit zuweilen fliessendem Wasser, Plumpsklo und „Wechselstrom“. Wer nach diesen Zeilen immer noch romantische Gefühle hat, sei an dieser Stelle herzlichstens eingeladen, uns heimzusuchen!

 

Bilder und Vorteile des tschadischen Wohnens folgen in weiteren Artikeln.

 

Doch zurück zum Zügeltag. Wir haben also den freien Tag genutzt, indem wir auf dem in handwagenschiebnähe gelegenen Markt einige Besorgungen für ein heimeliges Heim machten. Nachdem wir uns bei unseren neuen WG-Gespanen, die das bereits hinter sich haben, über die marktüblichen Preise erkundigt hatten, ging es los. Grussformeln von uns gebend nähern wir uns einem Verkäufer von Haushaltsartikeln um seine Auslage zu begutachten. Da er nicht genug gleichgrosse Becher hatte, und die verschiedenen uns auch noch ein bisschen teuer schienen, zogen wir dankend und abwinkend weiter. Bei seinem Konkurrenten war dann der gewünschte Artikel in genügender Anzahl vorhanden. „waahid be kam? (Wieviel kostet einer?)“ – „tamaniin (achzig)“. Für die nächste halbe Minute sind wir einmal mehr damit beschäftigt, zu rechnen, was das bedeutet. Auf Tschadarabisch werden die Beträge nicht in CFA (zentralafrikanische Francs) angegeben, sondern in „Riyal“, welche 5 CFA entsprechen. (Wie wir noch zu berichten haben aus unserem Bibliothekprojekt, ist lesen nicht jeden Tschaders Sache, aber die Fünferreihe sitzt.) Zurück zum Geschäft! Ähm, also warte mal, das wären 400 CFA, oder? – Genau, aber die sollten für 300 zu haben sein. – Gut, lass uns mal mit „khamsiin (50)“ die Verhandlung starten. – „nantiik khamsiin (ich gebe dir 50, also du weisst schon, ich gebe dir dann schon 250 CFA, aber wir reden ja arabisch)“ – „da buuti (das ist billig)“ – Okay, lass uns das clever angehen! Wir fragen noch, was der Thermoskrug kostet und versuchen dann, das Paket für einen guten Preis unter Dach und Fach zu bringen… So verhandeln wir weiter und schliesslich können Kunde und Verkäufer einander den Handschlag zu einem Preis geben, bei dem alle ihre Ehre bewahren. Gut, dass wir einen Zügeltag haben, denn genug Zeit, um eine Beziehung zu jeden Händler aufzubauen ist essentiell. Der eine bittet uns herein in den Schatten auf sein Bänklein. Während er schnell einen Artikel mit weniger Verhandlungsbedarf verkauft, haben er und wir Zeit, sich nochmals zu überlegen, was als nächstes geboten oder gefordert werden soll. Ein bisschen Schwatzen und die Bemerkung, dass das Moskitonetz, das wir ihm neben der Sitzmatte abkaufen wollen, im Fall „Made in Switzerland“ ist, alles gehört zum Handelsgespräch. Doch neben der aufzubauenden Beziehung, spielen für den Preis noch weitere Faktoren eine Rolle: wie ist sein bisheriges Tagesgeschäft gelaufen? Hat er gerade einen kranken Verwandten, dem er etwas helfen muss (ich bin auch eine Krankenkasse)? Hofft er, uns zu Stammkunden zu machen? Lässt ihn unsere Hautfarbe denken, wir könnten sowieso alles bezahlen oder fühlt er sich geehrt, dass wir bei ihm etwas kaufen?

 

Aber wieviel ist denn diese Matte wirklich wert? Sie hat keinen fixen Wert. Die Frage ist vielmehr: wieviel ist sie mir hier und heute wert? Und wieviel ist sie dem Verkäufer angesichts seiner aktuellen Markt-, Familien- und Gesamtsituation wert? Und wieviel war sie dem Wert, von dem er sie en gros gekauft hat? Sie hat den Wert, auf den wir uns einigen können. Anders gesagt: Fixpreise gibt es für die meisten Artikel nicht, sie werden ausgehandelt.

 

Nach und nach haben wir alles gefunden, „erhandelt“ und bezahlt. Hier eine Bodenmatte, dort zwei Matratzen, da zwei Plastikbecken. Auch einen tschadischen „Kühlschrank“ haben wir: Einen Tonkrug, durch dessen poröse Wand Wassertröpfchen dringen. Die Verdunstung und der vorbeistreichende Wind kühlen das Wasser im Krug. Wer hat’s erfunden? Die Schwitzer!

Die zweite Runde um den Markt machen wir mit einem Handwagen inklusive Schieber und sammeln alles auf, um es in unser künftiges Zuhause zu bringen.

 

Seit Ikea ist Möbel- und Inneneinrichtung einkaufen in Europa eine Freizeitbeschäftigung für regnerische Samstagnachmittage. Hier ist es harte Arbeit an einem sonnigen Freitag Vormittag.

 

Ein tanz normaler Gag

Nach dem ersten Weckruf aus dem Lautsprecher vom Turm nebenan drehen wir uns nochmals um und stehen dann mit der Sonne um 6.00 Uhr auf. Während Simon jeden Tag Baguettes beim Lebensmittelhändler unseres Vertrauens holt, knetet Anja einen Brotteig, um ihm diesen Gang die nächsten Tage zu ersparen. Manchmal geht es länger, wenn gerade Tee angeboten wird, ein paar Brocken arabische Konversation sind natürlich inklusiv. Weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt, lassen wir dem Frühstück eine Motivationslektüre folgen. Vor dem Abmarsch stellen wir den Solarofen so auf, dass er um 10.00 Uhr schön bestrahlt wird und legen den Brotteig hinein.

 

45 Minuten vor Schulbeginn stellen wir uns vor die Tür unserer Concession. Dank (?) der Umleitung führt eine Hauptachse direkt an dieser vorbei und wir versuchen ein Taxi zu finden, das uns an den Stadtrand fährt. Da die Umleitung nicht geteert und die Luftmittlerweile 0% Feuchtigkeit enthält, begrüssen wir die Strassenbewässerungstankfahrzeuge trotz offener Scheiben. Mit einem „Estopp“ bringen wir das Taxi zum Halten und bezahlen. Unsere Estrategien um zu Münz zu kommen, werden immer ausgeklügelter. Mit ein bisschen Esport bewegen wir uns zum nächsten Taxi-Parkplatz und fahren zur Stadt raus.

 

Am Stadtrand beginnt das Land. Kamel-, Rinder- und Schafherden von Nomaden begleitet, begegnen uns. Weide und Markt überschneiden sich: Wollen du und dein Freund je ein Schaf für das bald beginnende Tabaski-Fest (iid al-kabiir), so fahrt mit dem Motorrad zur nächsten vorbeiziehenden Schafherde und wählt ein Tier, dessen Fettgehalt eurem Gehalt entspricht. Vorder- und Hinterbeine müssen nun zusammengebunden werden, damit sich die beiden zwischen euch auf dem Motorrad schön ruhig verhalten. Auf geht’s zurück in die Stadt, wo die Tiere bis zum Fest lebendig gelagert werden (das englische Wort für Haus-/Zuchttier, “livestock” erhält eine ganz wörtliche Konnotation). Falls ihr kein Motorrad habt, bietet sich auch der Kofferraum eines Taxis als Transportort an.

 

Vor lauter guten Ratschlägen verpassen wir fast unseren „Estopp“. Von hier gehen wir den Rest zu Fuss bis zur Schule. Dem was dann geschieht,  widmen wir ein ander Mal einen Artikel.

 

Rückweg = gewniH. Ausser dass wir noch einen Abstecher zur Post machen, um unser Postfach zu leeren. Leider wird auf der Post seit zwei Wochen gestreikt, doch der nette Angestellte vom Büro nebenan hilft uns unkompliziert weiter. Vor der Haustür kaufen wir frittierte Süsskartoffelschnitze fürs Mittagessen und nehmen drinnen angekommen das Brot aus dem Sonnenofen.

 

Nach dem Mittagessen gönnen wir uns eine Siesta (obligatorisch um unseren angesichts der Kultur-, Sprach-, und Temperaturanpassung gesteigerten Schlafbedarf zu decken). Schon trudeln die Anjas lernfreudige Arabischkursgenossinnen ein und Simon widmet sich den Phänomenen der Ubi-Sprache.

 

Um 17.00 Uhr verabschiedet sich der Arabisch-Lehrer und wir starten einen ersten Versuch, die Mails zu checken. Falls noch Energie und Tageslicht vorhanden sind, spannen wir die Slackline im Innenhof und fördern bis zum Eindunkeln um 18.00 Uhr das Gleichgewichtsgefühl von drei bis zehn Kindern.

Duschen, Abendessen, Labtop laden, zweiter Versuch die Mails zu checken, dies und das, Kleider für den nächsten Tag waschen, aufhängen und noch ein bisschen abhängen. Die Bettzeit (zwischen 21 und 22.00 Uhr!) kommt bald, denn sonst kommt der Morgen zu schnell.

Tschadische Gastfreundschaft – Lektion 1

„Ja, gern kommen wir nächsten Samstag, weil wir letzten Samstag Malaria hatten. Aber lieber schon um 8.00 statt um 9.00 Uhr, weil wir nachher um 10.00 wieder los müssen.“

Punkt 8.00 Uhr sitzt ein junges Schweizer Ehepaar im Innenhof, Wasser, Tee (für unseren Geschmack viel zu süss, aber wir geben unser Bestes um ihn möglichst tschadisch zu machen) und natürlich Erdnüsschen stehen auf dem Tisch.

Ein Haufen Denkarbeit steckt da dahinter: Sollen wir die Gäste, ebenfalls ein junges, aber tschadisches Paar, in der Wohnung empfangen oder nach tschadischer Sitte im Hof, auch um zu vermeiden, dass sie schockiert sind über unseren Luxus (d.h. Stühle, Tisch, Kühlschrank (seit über einer Woche ohne Strom))? Was tischen wir auf, um sie gut zu bewirten ohne den Massstab so hoch zu setzen, dass sie sich ruinieren müssen wenn sie uns einladen?

9.00 Uhr: Das Schweizer Ehepaar geniesst seit genau einer Stunde einen gemütlichen Samstagmorgen unter dem Schatten eines Baumes. Sollen wir uns Sorgen machen, anrufen? Das letzte Mal haben sie doch 20 Minuten im Voraus abgesagt.

9.30: Die Schweizer rufen die Tschader an, doch das Handy ist entweder ausgeschaltet oder zum Aufladen bei einer generatorbetriebenen Aufladestation (kostet ca. 30 Rappen).

10.00: Tisch, Stühle und Getränke sind fein säuberlich verräumt. Mutmassen und Versuche, das Geschehene zu Verstehen, überbrücken die letzten Minuten.

10.03: Ein nettes tschadisches Paar kommt gerade in den Innenhof. Sie hatten unerwarteten Besuch von Familienangehörigen, just zur gleichen Zeit als das Schweizer Paar unerwartet keinen Besuch hatte.

Merke und denke um: Nicht die Zeit oder die Reihenfolge der vereinbarten Ereignisse bestimmt die Begegnungen, sondern die Begegnungen bestimmen Zeitplan und Reihenfolge der Ereignisse. (Doch auch das hat Grenzen, denn um 11.00 zogen sie wieder los, weil er zur Arbeit musste.)

Es war ein wirklich schönes Treffen. À la prochaine!

Geschenkidee gesucht?

Hast du schon ein Geschenk für dein Götti- oder Gottenkind? Findest du auch, dass dein jüngerer Bruder mal was anderes machen sollte, als nur PS2 spielen? Ist deine Mutter auch so geographieinteressiert wie meine? Findest du nicht auch, dass eine gute Allgemeinbildung wichtig ist? Kannst du ein Kreuzworträtsel oft nicht fertig lösen, weil dir das afrikanische Land fehlt? Willst du einem jungen, initiativen Tschader helfen, seine Schule zu finanzieren?

Wenn du mindestens eine Frage mit “JA” beantwortet hast, lies bitte weiter. (Sonst darfst du hier aufhören!)

Dieser junge Tschader hat niemanden, der ihm sein Schulgeld bezahlt. Da er aber unbedingt später studieren möchte, hat er von einem Schreiner gelernt, wie man diese “Afrika-Puzzles” herstellt. Dies macht er nun und versucht sie zu verkaufen. Da Tschader mehrheitlich kein Geld und Interesse haben, ihm diese abzukaufen, machen wir ein bisschen Werbung für ihn. Wir finden, er macht eine tolle Arbeit, hat einen guten Umgang mit Geld und investiert viel Arbeit für seine Schulbildung.

Er macht diese Puzzles, in gross (bisschen grösser als A4) für 14 sFr. und klein (bisschen kleiner als A4) für 12 sFr. Es ist aus so was wie “Laubsägeliholz” gemacht. Man kann sie entweder unbeschriftet (wie auf der Foto), französischen oder deutschen Ländernamen beschriftet haben. Wer gerne so eines hätte, darf uns eine E-Mail schreiben mit den Angaben zur Grösse und Beschriftung, sowie der genauen Adresse. Wir wissen noch nicht genau, wie wir sie verschicken werden. Und auch nicht, ob es 100% bis Weihnachten reichen könnte. Aber hier im Tschad funktioniert das Leben nach: “We handle the situation when it finds us”. Und wir passen uns an.

Fragen, die das Leben schreibt

Tagtäglich stehen wir vor unzähligen Fragen – wie in der Schweiz, so auch im Tschad. Die folgende Gegenüberstellung stellt die einander gegenüberstehenden Fragen einander gegenüber.

Schweiz (S): Was mach‘ ich bloss heute wieder mit meinen Haaren?

Tschad (T): Sind auch wirklich alle Haare schön unterm Kopftuch?

S: Was könnte ich in den Frühlingsferien bloss machen? Welchen Kurs könnte ich im Februar besuchen? Wann in den nächsten vier Woche könnte ich mich wieder mit meiner besten Freundin treffen?

T: Soll ich ab morgen am einmonatigen Intensivsprachkurs teilnehmen, von dem ich heute erfahren habe? Auch wenn ich 2 Stunden vor Kursbeginn erfahre, dass der Start auf voraussichtlich übermorgen verschoben wird?

S: Wieso kommen meine Sockenpaare immer als Singles aus der Waschmaschine?

T: Socken? Waschmaschine?

S: Welches der 15 Waschmittel passt zu welchem der 13 Weichspüler und zu unserer heutigen Wäsche?

T: Sollen wir unsere Kleider lieber täglich von Hand waschen, oder warten wir bis wir eine Maschinenladung zusammen haben, diese frei ist, es Stadtstrom und genügend Wasserdruck hat? Oder sind alle unsere Kleider vorher aufgebraucht und wir müssen die ganze Ladung aufs Mal von Hand waschen?

S: Es ist so kalt, was zieh ich bloss an?

T: Es ist so heiss, warum zieh ich das an?

S: Wann beglückt der Postbote unseren Briefkasten mal wieder mit Briefen mit handgeschriebener Adresse anstatt Rechnungen und Werbung?

T: Postbote? Briefkasten? Wann können wir das nächste Mal im Postzentrum vorbei schauen, ob es vielleicht einen Brief für uns hat? Warum ist die Postaufgabe und Postausgabe in zwei verschiedenen Gebäuden?

S: Was läuft gerade im Kino?

T: Gehen wir am Dienstag den Film im Centre Culturel Français schauen, wo wir doch schon in der Hauptstadt sind?

S: Soll ich im Zug meine Füsse auf der 20Minuten oder dem Blick am Abend hochlagern?

T: Werden wir es wohl erfahren, wenn irgendwo etwas weltbewegendes passiert?

S: Wie wird das Wetter wohl heute?

T: Wann ändert das Wetter endlich?

S: Was macht der Eurokurs?

T: Wann beginnt der Arabischkurs?

S: Um 17.55 Uhr: Was könnten wir einkaufen und kochen, damit wir um 18:15 Uhr essen können?

T: Was könnte ich heute um 16 Uhr kaufen, um es morgen um 10 Uhr in den Solarofen zu legen, damit ich vielleicht um 13 Uhr essen kann (falls es nicht bewölkt ist)? Oder sollen wir doch das Gas brauchen? Aber wenn es noch lange keinen Gasnachschub in der Stadt gibt? Und überhaupt: was kochen wir eigentlich ohne Käse oder Rahm?

S: Kann ich AUSSCHLIESSLICH reduzierte Artikel kaufen, und trotzdem ein feines Menue zusammenstellen?

T: Wie kommt es, dass ich einmal 4 und einmal 7 Tomaten für den selben Betrag bekomme?

S: Wie verstecke ich bloss meine Schwitzflecken?

T: Warum schwitzen auch Tschader, die doch seit Geburt an die Hitze gewöhnt sein sollten?

S: Soll ich den 05, 13, 21, 29, 37 oder 55 Bus nehmen?

T: Soll ich zu Fuss gehen oder nehme ich das Taxi für 40 Rp.?

S: Entschuldigung, ist hier noch frei?

T: Soll ich (Anja) im Taxi vorne einsteigen, wo der eine Beifahrersitz bereits von einer Frau angewärmt wird, oder hinten, wo es leer ist – mit dem Risiko, dass ein Mann zusteigt?

S: Wie gefällt mir wohl die neue Winterkollektion?

T: Winter? Kollektion?

S: Bringt LC1 meinen Darm wieder zum Florieren?

T: Wieviele von diesen bitteren Blätter kriege ich runter, die meinen Durchfall heilen sollten? Oder probiere ich es doch lieber mit Bananen?

S: Kaufe ich Max Havelaar oder Chiquita?

T: Wieviele Bananen pro Tag kann man eigentlich essen, bis man total verstopft ist?

S: Wie wär‘s mal wieder mit Johannis-, Brom-, Him-, Stachel- oder Erdbeer- oder Quitten-, Aprikosen-, Rhabarber-, Mirabellen- oder Holunderconfiture? Oder doch Lavendelblütenhonig aus der Provence?

T: Leisten wir uns im Ausländerladen für 6-7 sFr. Konfitüre für aufs morgendliche trockene Baguette oder streichen wir einfach Bananen drauf? Wann war ich eigentlich das letzte mal auf dem Klo? Und was mach ich bloss mit den drei gerösteten Heuschrecken, die plötzlich auf meinem Teller neben meinem Erdnussbrötli liegen?

S: Wie werde ich das viele Münz los, das mein Portemonnaie so dick macht, als würde es sich nur von Bananen und Erdnussbutter ernähren?

T: Wie verwandle ich bloss meine riesigen Noten (die grösste ist CHF 20.- wert) in kleines Münz fürs Taxi?

S: Wie schaffen wir den Atomausstieg wenn alle täglich ihre Smart(?)phones aufladen müssen?

T: Hat es Strom heute?

S: Wie viele Megapixel haben die neusten Kameras auf dem Markt?

T: Wird das Word-doc im Anhang des Mails wohl durch die Leitung passen?

S: Kannst du schnell auf dem iPhone schauen wo der nächste Starbucks ist?

T: Hat er mir eine korrekte Wegbeschreibung gegeben oder weiss er es selber nicht und hat  anstandshalber einfach irgendetwas gesagt? (Aber ich bin ja selber schuld, ich hätte ihn ja nicht so direkt fragen müssen…)

S: Tofu, Vegischnitzel oder Quorn?

T: Wie erkläre ich diesmal, dass ich Fleisch und Fisch immer noch nicht mag? Oder merkt es vielleicht niemand, wenn ich es einfach weglasse?

S + T: wie geht es meinen Freunden hier und dort?

Nishiif bas

Mit dem Satz im Titel wimmeln wir alle Stoffe ab, die uns, bzw. Anja, angeboten werden: „ich lueg nume.“ Und es gibt viel wahrzunehmen für den Sehsinn!

An sich wären auf dem marché central die Haufen Stoffe in allen Formen, Verarbeitungsgraden und Farben bereits zu viel für zwei Augen, die dem selben Gehirn angeschlossen sind. Da wären zwei Gehirne und ein Auge deutlich aufnahmefähiger. Dazu kommen aber noch Unmengen von anderen kleinen und grossen Artikeln, die einem angeboten werden. Aus dem Sortiment: Thermoskrüge, Unterhosen, Batterien, Nagellackentferner, Kopftücher, Datteln, Werkzeug, Handys, Offenfleisch, Möbel, Tomaten, selbstgezimmerte Holzkickboards (Traum eines jeden Reformhauskunden), Teppiche, Putzmittel, Getränke. Kurz: Alles, und das an allen Tagen.

Viel Stoff gibt es zu kaufen, weil frau sich in viel Stoff einhüllen mussollte.

Kopf-, sprich Haarbedeckung ist Pflicht im Norden des Landes und im Nordteil der Hauptstadt. Variante soft: Grosses Kleid mit Kopftuch. Variante real: frau nehme 4 Meter Stoff und verpuppe sich darin. Damit frau dabei nicht friert, trägt sie darunter natürlich auch ein Kleid. Das ganze kann mit einem schönen Stoff (namens „Laffaye“, z.B aus der galérie laffayette) nach schönem Stoff aussehen. Übrigens: wie hiess schon wieder das Lieblingskleid der Frau von Peter Laffay?

Doch mann lässt sich auch nicht lumpen(!). Im Süden „in“ sind die sogenannten „contre vestes“, Anzüge mit Kurzen Ärmeln. Anfangs fürs Auge gewöhnungsbedürftig, aber eigentlich einfach klimatisch angepasste Eleganz. Im Norden ist aber das Strassenbild eher von Jalabiyas geprägt, ein RIESEN Hemd, das man nicht in die dazugehörige Pijamahose ineschoppet. In allen Farben, möglichst gewachst (damit glänzig und gschtabig), zuweilen mit Schnickereien am Kragen.

Diese Woche haben wir Stoff gekauft und Schneidern zur Verarbeitung anvertraut – wir sind gespannt!

Wie diese wallenden Gewänder auf Motorrädern und Velos aussehen, müsst ihr euch vorstellen, denn wir dürfen nicht einfach so rumfotografieren. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits mögen es die Leute nicht, abgeknipst zu werden ohne zu wissen, was mit den Bilden gemacht wird (werden sie oder das Land negativ dargestellt, wird es für missbräuchliche Spendenaufrufe verwendet…? ). Andrerseits gibt es auch Gebäude, Brücken etc., die aus Sicherheitsgründen nicht fotografiert werden dürfen.

Somit müsst ihr euch weiterhin unvorstellbare Sachen vorstellen. Zum Beispiel einen Bettler mit lahmen Beinen, der sich über die dicht befahrene doppelspurige Strasse schleppt, Bananen, Holzbündel, Zementsäcke, Schulheftstapel – alles auf den Köpfen transportiert, bis unter und weit übers Dach beladene Fahrzeuge oder eine fünfköpfige Familie auf einem Motorrad. Dazu Fussgängerstreifen, die in der Strassenmitte durch kleine Hecken unterbrochen sind und eine Tafel, auf der „Ice Scream“ angepriesen wird – denn bei dieser Hitze schreien alle nach Eis.

Wunderschön ist der Sonnenuntergang über dem Fluss Chari. Wunderschön sind auch die Schmetterlinge und die zahllosen Geckos, die unermüdlich Liegestützen trainieren. Noch zahlloser sind die Heuschrecken, die in alle Richtungen davonspringen sobald man einen Fuss auf bewachsene Erde setzt. Letztere werden jetzt, gegen Ende der Regenzeit, von Kindern in Petflaschen eingesammelt, geröstet und verzehrt. In diesem Artikel können wir dazu aber nur sagen: Das Auge isst mit.

N'Djaména – feel it!

Nach dem taste-sense nun der Tast-Sinn. Ein wichtiger Sinn hier, vor Allem wenn er bei fehlendem Strom den Sehsinn ersetzen muss. Gut, dass es Stirnlampen etc. gibt zum Abendessen kochen und essen, duschen und lesen. Soeben wurde aber der Generator von unserem Haus angeworfen und wir können diesen Eintrag schreiben. Im Moment ist es stürmisch draussen, was uns an unseren ersten Sandsturm erinnert, den wir etwas ausserhalb der Stadt gefühlt haben. Sandpeeling und Langzeiteffekt inklusive – der Sand sitzt noch Stunden später in allen Ritzen und Falten. Aus den Schweissporen wurde er aber relativ schnell wieder herausgespült. Es erstaunt nicht, dass es überall sandstaubig ist; für CH-Verhältnisse müsste man hier die ganze Wohnung mehrmals täglich abstauben. Wind ist aber grundsätzlich sehr willkommen, bringt er doch ein bisschen Abkühlung und lässt uns auf Regen hoffen (und die feuchte Hitze nach dem Regen ausblenden). Manchmal simulieren wir Wind und Regen in unserem Mikroklima zu Hause: zum Einschlafen alle Extremitäten anfeuchten und bei Strom sogar mit Ventilator abkühlen. Bisher das Höchste des Gefühlten hier. Ganz anders steht es mit Körperwinden. Man muss sich unbedingt winden um solche zu verklemmen, denn sie gelten als sehr unhöflich. Ganz neue Gefühle beschert uns die überdurchschnittliche Durchschnittstemperatur: sogar unter dem luftigsten Rock rinnt eine Schweissperle dem Bein nach abwärts und auch ohne sportliche Betätigung ist man regelmässig nicht nur unter den Armen nassgeschwitzt. Beruhigend ist jedoch, dass auch die Tschader Schwitzer wie wir sind. Die meteorologischen Verhältnisse vergrössern auch die Distanz zwischen den Menschen, sogar zwischen Ehepartnern: bei 39° in der Luft und eigenen 37° würden weitere 37° einen zum Kochen bringen. Die kulturellen Verhältnisse würden in der Öffentlichkeit solche Nähe zwischen uns auch nicht erlauben. Wie jede Regel hat aber auch diese eine Ausnahme: den öf(f)entlichen Verkehr (siehe vorletzter Artikel). Ausserdem sieht man immer wieder händchenhaltende Männer durch die Strassen gehen (ein Zeichen von Freundschaft). Wie auf allen Märkten dieser Welt, gibt es Menschen, die für ihr tägliches Einkommen auf den Tastsinn angewiesen sind, sogenannte Tastendiebe, die im Gedränge besser gespürt als gesehen werden können. Diesmal sind wir mit Anjas blauen Augen davongekommen. Auf dem Markt sind aber auch wir auf den Tastsinn angewiesen um die Beschaffenheit der Stoffe zu erspüren, da man a) am besten reine Baumwolle trägt und b) auf die Frage, ob es wirklich 100% Baumwolle ist, stets Zustimmung erntet. Zu guter Letzt noch zwei bestechende Empfindungen: die einen lassen einen zum No-Skito-Spray greifen, um den anderen könnte Anja Simon Honig schmieren.