3. Dezember

Tä!

Junia hat die Herzen der Bardaier und Bardaierinnen im Sturm erobert. Die Tubus sind davon überzeugt, dass Junia bereits die ersten Worte auf Tedaga spricht. Zu dieser Überzeugung kommen sie, da Junia oft „Tä“ sagt. Auf Tedaga heisst das „gib“. Da die Leute hier sowieso ziemlich häufig in der Befehlsform sprechen, ist das ein sehr oft vorkommendes Wort. Der zweite „Beweis“ besteht darin, dass sie Junia „Yiri!“ (Komm!) rufen und die dazu typische Handbewegung machen. Tatsächlich kommt sie (manchmal).

Naja. Wir sind von diesen Spekulationen nicht besonders überzeugt, da sie nicht einmal zuverlässig „Papa“ und „Mama“ unterscheiden kann … Allerdings müssen wir zugeben, dass wir keine schlüssige alternative Erklärung für das Auftreten von „Tä“ liefern können.

2. Dezember

Hei ei ei

Hast du dich als Kind auch manchmal gefragt, ob es möglich wäre in der Wüste auf einem heissen Stein ein Spiegelei zu braten? Oder auf einer heissen Autohaube?

Ich habe mich gefragt, ob ich wohl im Sonnenofen Spiegeleier machen könnte. Und siehe da, es hat geklappt! Die Eier kamen in einer Form zum Ofen raus, die mich zu noch mehr Essthetik beflügelte.

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1. Dezember

Nasägrüble

Ein nicht gerade schönes, hier aber durchaus relevantes Thema: Bööggä. Ich würde ja gerne ein anständigeres Wort benutzen, aber es fällt mir leider keines ein.

Da die Luft sehr trocken und staubig ist, hab ich beinahe täglich ziemlich viele Bööggen in meiner Nase. Nicht normale Bööggen, sondern so richtig steinharte, eckige Klümpchen. Wenn ich von aussen mit den Fingern ein bisschen an mein Nasenbein drücke, dann schmerzt das ziemlich, da die Ecken und Spitzen der Bööggen in meine zarten Nasenschleimhäute drücken.

Wie bringt man jetzt diese Dinger bloss aus der Nase raus? Naheliegendster Vorschlag: Ein Taschentuch nehmen und schneuzen. Aber halt. Hab ich da grad eben Taschentücher erwähnt? Taschentücher sind DIE grosse Mangelware hier auf der Oase. Abgesehen von uns, weiss das allerdings niemand. Hab schon mehrere Male in ganz verschiedenen Lädelis nach Taschentüchern gesucht.  Einmal hab ich dann auf mein Nachfragen hin einen Pack Servietten (solche, die nicht an einer Wurst kleben würden – wie wenn das wichtig wäre hier …) angeboten bekommen, das war nicht all zu schlecht. Ein anderes Mal hab ich tatsächlich einen 10-er Pack Taschentücher gefunden. Diese hatten aber den Namen Taschentücher alles andere als verdient! Sie waren in Mexiko designt, in China produziert, dort durch die Qualitätskontrolle gefallen und schnurstracks in die Wüste geschickt worden. Die Grösse entsprach etwa der eines halben Taschentuchs und sie waren EINLAGIG! Stellt euch das mal vor! Also schnüüzt’s nüüt so schadt’s nüüt, aber wenn man schneuzt, kann man sich gerade direkt in die Finger schneuzen!

Und schwups, des Problems Lösung. Abgeschaut bei den Einheimischen, schneuze auch ich jetzt direkt in meine Finger, allerdings nur unter der Dusche. Und um die hartnäckigsten Bööggen auch rauszubringen, brauche ich mit anfänglicher Überwindung jetzt meinen kleinen Finger. Zum Glück gibt’s den – etwas anders gibt’s nämlich nicht.

Tschapventskalender

Nach zwei Jahren Pause, gibt es ihn dieses Jahr wieder: Den Tschapventskalender!

In den letzten Wochen lief die Vorproduktion auf Hochtouren und entsprechend ruhig war es daher auf dem Blog. Aber jetzt sollt ihr bis zu Weihnachten jeden Tag in den Genuss einer kleinen Anekdote, eines Kultureinblicks oder eines Rätsels kommen. Viel Spass und eine schöne Adventszeit!

PS: Und falls es wieder mal eine Dürreperiode gibt, dürft ihr gerne die alten Texte wieder lesen. Einiges Alltägliche und/oder Unglaubliche schreiben wir manchmal nicht mehr, da wir denken, dass wir über dieses oder jenes Thema ja schon bei unserem letzten Aufenthalt geschrieben haben …

Inmitten der Gegensätze – Mein Gedankenwirrwarr

Heute ist einer der Tage, an dem sich mir mal wieder einige Fragen stellen. Was bedeutet Reichtum? Ist „Wissen“ nicht viel mehr wert? Wie denke ich über das Sterben?

Wie so oft hier, wurde mein Alltag von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt. Ich mag das nicht, da ich je eigentlich einen Plan für heute hatte und mich auch auf einige „Programmpunkte“ gefreut habe. Allerdings bin ich ziemlich sicher auf der ganzen Oase der einzige Mensch, der sich an der Kurzfristigkeit gewisser Ankündigungen stört …

Auf jeden Fall hörten wir am Vorabend gegen zehn Uhr nachts bereits im Bett liegend, dass ein Megaphon getestet wurde. Anschliessend kurvte tatsächlich ein Auto durch die Oase und kündete zwischen Knarzen und Pfeifen an, dass morgen um 08.00 Uhr ein Minister Bardai besuche und alle sich versammeln sollten. Somit beschlossen wir am nächsten Morgen früh, dass unser Zentrum am Vormittag geschlossen bleibt. OK. Also ein gemütlicher Morgen zu Hause, wo ich endlich mal ein bisschen gründlicher aufräumen kann während Junias Morgenschlaf (wo ich normalerweise eben im Zentrum arbeite). Doch da kommt auch schon die Nachricht von einem Todesfall und wenig später von einem zweiten. Das heisst, alles stehen und liegen lassen und dort vorbeigehen, um mit den Angehörigen für einige Minuten schweigend dazusitzen. Die Verstorbenen waren beide Frauen, schätzungsweise zwischen 50 und 60 Jahre alt – das Alter meiner Mutter.

Einige Stunden später bin ich mit Junia auf dem Nachhauseweg von der Ministerparade, (die erst nach 10.00 Uhr begann), da rennt mir unser Nachbarsmädchen entgegen und erzählt, dass das knapp zwei Monate alte Baby meiner Nachbarin gerade eben gestorben sei. Was? Vor drei Stunden sass ich noch vor ihrem Haus zusammen mit ihrer Schwester und ich hab nicht mal mitbekommen, dass das Baby krank wäre!

Ich mache einen Schritt zurück. Die Tubus sind im Tschad diejenige Volksgruppe, die in der sozialen Hierarchie (von ca. 140 Volksgruppen) zuoberst steht. Das heisst, sie werden von der Regierung sicher nicht ausgebeutet. In ihrem Territorium haben sie in den letzten zwei Jahren eine beachtliche Menge an Gold gefunden, das sie mit niemandem teilen. Sie haben so viel Geld, dass sie in den letzten Jahren ihre Gärten mehr oder weniger aufgegeben haben und nur noch von „Importprodukten“ leben. Ihr ganzes Geld legen sie in Pickups und Zementhäusern an. Die Frauen tragen schweren Goldschmuck und die Männer glänzende Gewänder. Smartphones sind keine Seltenheit und einige Jungs haben sogar WhatsApp.

Gleichzeitig haben die Mehrheit der Häuser keine Toiletten, sondern die Geschäfte werden draussen irgendwo oder gar im eigenen Garten verrichtet. Gekocht wird über dem Feuer und die leeren Dosen der unzähligen Colas, die man hier trinkt, werden einfach irgendwo hingeschmissen, zusammen mit allem anderen Plastikabfall, der mehr und mehr seinen Weg hierher findet. Dass wir alle das Grundwasser trinken, das sich in nur gerade 6 Metern Tiefe befindet, daran wird kein Gedanke verschwendet. Im vorhanden Spital hat es keinen Arzt der die Geräte bedienen kann, Antibiotika werden wie Traubenzucker verteilt, Packungsbeilagen werden von niemandem gelesen und schon gar nicht verstanden und jeder Tubu ist überzeugt: Wenn man einem ganz kleinen Baby nicht ein Stück des Halszäpfchens abschneidet, verfault sein Gehirn. Der Arzt hier behauptet, dass es in der Wüste mehr Malaria gäbe als in der Hauptstadt und die Leute glauben, dass Hirse zwar viel Energie gibt, aber eben dumm mache. So füttern sie ihre Kinder lieber mit Süssigkeiten und leisten sich Datteln aus Tunesien, während hier die Datteln an den Palmen vergammeln.

Was nützt also der ganze Reichtum, wenn Säuglinge trotzdem einfach so sterben, ohne dass sich jemand fragt, ob man vielleicht hätte etwas dagegen machen können?

Scheinbar ohne Widerstand halten mit dem zunehmenden Reichtum moderne Annehmlichkeiten Einzug und Käuflichkeit untergräbt die Moral. Gleichzeitig bleibt das fatalistische Denken tief verwurzelt: Probleme und Schwierigkeiten werden ohne jegliches Hinterfragen dem Schicksal zugeschrieben.

So werden einerseits neue „Güter“ ungehindert aufgenommen und anderseits wird das Bestehende einfach hingenommen. Beides beruht darauf, dass nichts hinterfragt wird – weder das Alte noch das Neue.

Wäre da „Wissen“ nicht buchstäblich mehr wert als Gold?

Es bräuchte dringend ein allgemeines Grundwissen (Abfallentsorgung und Grundwasser, in den Garten kacken – wer bringt den Fliegen bei, dass sie nicht über meinen Zaun kommen dürfen, wenn sie vorher in einem Garten in der Kacke sassen, Antibiotikaresistenzen, Diabetes und Coca Cola …) und eine Prise kritisches Denken.

Unsere Oase Kopie
Unsere Oase

Tschap durch die Wüste

 

Viele Wüstenfans haben es seit Jahren erfolglos zuoberst auf der Liste: eine Reise in den Tibesti. Wir aber haben das Vergnügen, hier zu wohnen.

Der Tibesti ist das höchste Gebirge der Sahara. Diese atemberaubende und vielfältige wilde Schönheit in Sand, Fels und Lava-Gestein ist schwer zugänglich und absolut jenseits von jedem Kommerztourismus.

Kostprobe gefällig: Such mal nach „trou de natron“ im Internet. Das ist ein Vulkankrater, an dessen Grund wir einmal übernachtet haben – mit dem jungen Mann, der dort manchmal seine Schafe hütet.1_Tibesti_ko_thumb_IMG_2529_1024 Kopie

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Aktuell bietet nur eine Agentur die Durchreise für Touristen an. Doch sie sind Aussenstehende und die Tour bleibt oberflächlich. Wir laden euch ein, diese einzigartige und abgelegene Weltregion zu entdecken – und zwar als allererste Touristen, die mit einheimischen Tubus reisen.

Wir haben unlängst einen langjährigen Freund unseres Teamleiters kennengelernt, der seit Jahren redlich versucht, eine Tourismusagentur aufzubauen. Er hat Erfahrung mit Tourismus im Tschad. Er hat alles vorbereitet was möglich ist und hat auch die nötigen Führer und Fahrzeuge abrufbereit. Was ihm fehlt, sind die Touristen. Für uns die Gelegenheit, euch einzuladen, uns zu besuchen – auf der Tour ins Herz der Sahara.

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Eine Tour dauert 2 Wochen.
Wir müssten ein Datum in den folgenden Zeiträumen finden:
– ab 2. Januar 2016 bis 27. Februar 2016
– ab 5. März 2016 bis Ende März 2016 (danach wird es sehr heiss hier)

Die Kosten hängen davon ab, wie gross die Gruppe ist und was für eine Route wir wählen. Grob gesagt ist es der Preis für den Flug nach N’djamena, Tschad (am günstigsten ist Royal Air Maroc), das Visa, die Gelbfieberimpfung plus schätzungsweise rund CHF 2000.

Nicht gerade lowcost Ferien, aber garantiert voller Abenteuer und total einzigartig!

Mindestens einer von uns würde ebenfalls an der Reise teilnehmen und die Idee wäre es, vielleicht drei Tage hier bei uns in Bardai zu verbringen.

Wenn du Interesse hast, dann schreib uns möglichst schnell, wann es für dich passen würde. Wir versuchen dann herauszufinden, welches Datum für alle Interessenten am besten ist.

Umsturz und Umbruch

Vor einigen Tagen ging es los. Ein Toyota Hilux Pick-Up (hierzusande unglaublich verbreitete Fahrzeuge) nach dem anderen fuhr in die Oase ein. Es wirkte irgendwie orchestriert. Innert kürzester Zeit schien die Oase mindestens das Doppelte an Einwohnern zu haben. Woher kommen die alle und vor allem weshalb?
Diese Gäste sind aus dem Süden Libyens, aus dem ganzen Tibestigebirge, das mehrheitlich auf  tschadischem Boden liegt und vielleicht auch einige aus dem Niger, wohin sich das Tubu-Territorium ebenfalls erstreckt.
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Alle kamen sie nach Bardai. Und die Oase ist ganz aus dem Hüttchen, denn eine alte Tradition ist ins Wanken geraten. Es geht um den Sultan – ihren König – „Durdo“ genannt. Der „Königsclan“ hat seit Jahrhunderten immer den Durdo gestellt. Doch in den letzten Jahrzehnten hat der Königsclan die Gunst der 35 anderen Clans verloren. Missbrauch der Gelder und Positionen in der Regierung zur eigenen Bereicherung wird dem Clan vorgeworfen. Den Durdo selbst beschuldigen sie, sich mit der Regierung arrangiert, anstatt sich für das Wohl aller Tubus eingesetzt zu haben.

Vor einigen Monaten tauchte aus einem anderen Clan ein rivalisierender Durdo auf und bekam immer mehr Zulauf. Die Situation wurde spannend und gab sogar der Regierung in N’Djaména zu reden. Diese reagierte, indem sie den Rivalen kurzerhand einbuchtete. Als der Innenminister bald darauf auf der Oase zu Besuch kam, wurde er empfangen von einer Meute mit Plakaten, die die Freilassung des „neuen Durdo“ forderten. Auf dem Rückweg zum Flugplatz legten fünf Revoluzzer gar einen Hinterhalt, blockierten seinen Konvoi mit mehreren Fahrzeugen. Offenbar wirkte diese Einschüchterung, sodass der Thronanwärter wenig später wieder auf freiem Fuss war.

Und nun versammelten sich Tubus aus beinahe allen 35 anderen Clans hier in Bardai, um ganz grundsätzlich darüber zu beraten, wie man in Zukunft ihr König werden kann. Wollen sie wirklich eine so alte Tradition ändern und damit den bestehenden Durdo stürzen? Innert wenigen Tagen wurden sie sich einig. Öffentlich verkündete das Komitee die Beschlüsse der versammelten Clans. Im Innenhof der Schule standen ein Tisch mit Mischpult und Mikrofon und etwa 40 Plastikgartenstühle für die älteren Würdenträger. Sie waren umringt von Männern jeden Alters. In kleiner Entfernung  standen Gruppen von Frauen. Eine fröhliche Spannung lag über den gut 500 Anwesenden. Rund herum waren über hundert Toyota Hilux geparkt. (Ganz nach amerikanischer Art: Wer ein Auto hat der fährt, auch für wenige Meter.) Feierlich wurden die anwesenden Clans und ihre Vertreter mit ihrem Herkunftsort verlesen. Die Verlautbarung des Beschlusses, dass ab jetzt der Durdo aus allen Clans stammen könne, wurde mit spontanem Applaus quittiert. Dasselbe als der Name des rivalisierenden Durdo als designierter neuer Durdo genannt wurde. Es folgten kurze Ansprachen von Würdenträgern und Behördenvertretern. Wiederholt verwendeten die Redner den Begriff für „wir sind reif/erwachsen/vernünftig geworden“, um ihren Beschluss zu beschreiben.
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2.11.15

Am folgenden Tag, in den heissesten Stunden, weckte ein Hupkonzert die sich im Mittagsschläfchen befindende Oase. Eine Kolonne von gut 25 Fahrzeugen fuhr durch die Hauptstrasse. Der neue Durdo war soeben eingetroffen! Am späteren Nachmittag wurde er dann auch vor der gleichen Kulisse, vor der die Nominierung stattfand, ins Amt eingesetzt. Er selbst und auch die nachfolgenden Redner dankten Gott und den Anwesenden für diese Entscheidung – und den Frauen von Bardai für die Bewirtung der Gäste.
Antrittsrede des Neuen Durdo

Am nächsten Tag war Bardai wie eine Luftmatratze mit offenem Ventil. Innert kürzester Zeit erreichte die Verkehrslage, Aufregung und Bevölkerungsdichte von Bardai wieder das gewohnte dörfliche Niveau. Dennoch bleibt es spannend: Wird der Königsclan den wie es scheint friedlich beschlossenen Umsturz ohne Weiteres hinnehmen? Wie reagiert die Hauptstadt? Wir halten euch Tschap to date.