Umsturz und Umbruch

Vor einigen Tagen ging es los. Ein Toyota Hilux Pick-Up (hierzusande unglaublich verbreitete Fahrzeuge) nach dem anderen fuhr in die Oase ein. Es wirkte irgendwie orchestriert. Innert kürzester Zeit schien die Oase mindestens das Doppelte an Einwohnern zu haben. Woher kommen die alle und vor allem weshalb?
Diese Gäste sind aus dem Süden Libyens, aus dem ganzen Tibestigebirge, das mehrheitlich auf  tschadischem Boden liegt und vielleicht auch einige aus dem Niger, wohin sich das Tubu-Territorium ebenfalls erstreckt.
Autos_1624_1024
Alle kamen sie nach Bardai. Und die Oase ist ganz aus dem Hüttchen, denn eine alte Tradition ist ins Wanken geraten. Es geht um den Sultan – ihren König – „Durdo“ genannt. Der „Königsclan“ hat seit Jahrhunderten immer den Durdo gestellt. Doch in den letzten Jahrzehnten hat der Königsclan die Gunst der 35 anderen Clans verloren. Missbrauch der Gelder und Positionen in der Regierung zur eigenen Bereicherung wird dem Clan vorgeworfen. Den Durdo selbst beschuldigen sie, sich mit der Regierung arrangiert, anstatt sich für das Wohl aller Tubus eingesetzt zu haben.

Vor einigen Monaten tauchte aus einem anderen Clan ein rivalisierender Durdo auf und bekam immer mehr Zulauf. Die Situation wurde spannend und gab sogar der Regierung in N’Djaména zu reden. Diese reagierte, indem sie den Rivalen kurzerhand einbuchtete. Als der Innenminister bald darauf auf der Oase zu Besuch kam, wurde er empfangen von einer Meute mit Plakaten, die die Freilassung des „neuen Durdo“ forderten. Auf dem Rückweg zum Flugplatz legten fünf Revoluzzer gar einen Hinterhalt, blockierten seinen Konvoi mit mehreren Fahrzeugen. Offenbar wirkte diese Einschüchterung, sodass der Thronanwärter wenig später wieder auf freiem Fuss war.

Und nun versammelten sich Tubus aus beinahe allen 35 anderen Clans hier in Bardai, um ganz grundsätzlich darüber zu beraten, wie man in Zukunft ihr König werden kann. Wollen sie wirklich eine so alte Tradition ändern und damit den bestehenden Durdo stürzen? Innert wenigen Tagen wurden sie sich einig. Öffentlich verkündete das Komitee die Beschlüsse der versammelten Clans. Im Innenhof der Schule standen ein Tisch mit Mischpult und Mikrofon und etwa 40 Plastikgartenstühle für die älteren Würdenträger. Sie waren umringt von Männern jeden Alters. In kleiner Entfernung  standen Gruppen von Frauen. Eine fröhliche Spannung lag über den gut 500 Anwesenden. Rund herum waren über hundert Toyota Hilux geparkt. (Ganz nach amerikanischer Art: Wer ein Auto hat der fährt, auch für wenige Meter.) Feierlich wurden die anwesenden Clans und ihre Vertreter mit ihrem Herkunftsort verlesen. Die Verlautbarung des Beschlusses, dass ab jetzt der Durdo aus allen Clans stammen könne, wurde mit spontanem Applaus quittiert. Dasselbe als der Name des rivalisierenden Durdo als designierter neuer Durdo genannt wurde. Es folgten kurze Ansprachen von Würdenträgern und Behördenvertretern. Wiederholt verwendeten die Redner den Begriff für „wir sind reif/erwachsen/vernünftig geworden“, um ihren Beschluss zu beschreiben.
DuroInnenhof_1623_1024
2.11.15

Am folgenden Tag, in den heissesten Stunden, weckte ein Hupkonzert die sich im Mittagsschläfchen befindende Oase. Eine Kolonne von gut 25 Fahrzeugen fuhr durch die Hauptstrasse. Der neue Durdo war soeben eingetroffen! Am späteren Nachmittag wurde er dann auch vor der gleichen Kulisse, vor der die Nominierung stattfand, ins Amt eingesetzt. Er selbst und auch die nachfolgenden Redner dankten Gott und den Anwesenden für diese Entscheidung – und den Frauen von Bardai für die Bewirtung der Gäste.
Antrittsrede des Neuen Durdo

Am nächsten Tag war Bardai wie eine Luftmatratze mit offenem Ventil. Innert kürzester Zeit erreichte die Verkehrslage, Aufregung und Bevölkerungsdichte von Bardai wieder das gewohnte dörfliche Niveau. Dennoch bleibt es spannend: Wird der Königsclan den wie es scheint friedlich beschlossenen Umsturz ohne Weiteres hinnehmen? Wie reagiert die Hauptstadt? Wir halten euch Tschap to date.

3 Antworten auf „Umsturz und Umbruch“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert