10. Dezember

Ein „Jemand“:

Einem Baby das zur Welt kommt, gibt man erst am siebten Tag seinen Namen. Allerdings wird es erst nach vierzig Tagen als „ein Jemand“ bezeichnet. Vorher ist es noch „ein Niemand“. In dieser Zeit lebt die Frau meist bei ihrer Mutter, sie darf nicht raus und auch nicht arbeiten. (Sowas ist noch richtiges Wochenbett.) Der Vater sieht sein Kind eigentlich nie.

Nach diesen vierzig Tagen geht sie wieder in ihr eigenes Haus. Oft hört sie dann auch auf zu Stillen und gibt dem Säugling von da an die Flasche. Weshalb? Das hab ich noch nicht herausgefunden.

9. Dezember

Das Wetter, in jedem Land ein Thema

Alle reden vom Klimawandel. Auch die Tschader. Es wirkt anfänglich ein bisschen dramatischer in der Geschwindigkeit die sie verzeichnen, allerdings merkt man mit der Zeit, dass sie nur die Jahreszeiten und die damit einhergehenden Temperaturschwankungen meinen. Wir jedenfalls haben uns an die winterlichen Temperaturen (hier in Bardaï durch den Tag so um die 20 Grad, nachts zwischen 0 und 8 Grad) gewöhnt und unseren Tagesrhythmus entsprechend angepasst: Frühstück gibt’s wenn eine Ecke im Hof Sonne hat, geduscht wird mittags statt abends und das Abendessen führen wir uns im Haus zu Gemüte. Durch den Tag bleiben wir freiwillig an der Sonne, ja wir vermissen sie sogar, wenn es irgendwo keine hat.

Im Vergleich zur Schweiz ist es zwar immer noch nicht richtig kalt. Aber für die Lebensweise hier durchaus herausfordernd. Die Häuser sind weder gut gebaut noch isoliert (und wir haben eines von den besseren Häusern!), WC und Dusche sind ganz open air, Schuhe gibt es nur im Sandalen-Stil und bei den Kleidern machen die Schichten die Wärme. Das Leben fühlt sich an wie Camping, und campen geht man ja zumindest nicht absichtlich bei diesen Temperaturen und schon gar nicht auf einem Null-Sterne-Platz.

Was wir eigentlich sagen wollen ist: Es ist KALT in der Wüste! Aber all zu stark wollen wir uns doch nicht beklagen. Wir wissen genau, dass es in 3 Monaten schon wieder sehr heiss sein wird und in 5 Monaten so heiss, dass wir gar keine Worte mehr dafür finden werden … Dann werden wir uns an die kalten Abende zurücksehnen.

Trotzdem: Bald schlafen wir mangels Bettmütze mit Unterhosen auf dem Kopf …

winter

 

 

Akklimatisiert 2.0

Stilsicher unterwegs im Winter im Tibesti.
Würde das Jeroen van Rooijen frooijen? Oder würde das dafür ausgegebene Geld Jeroen van Rooijen?

8. Dezember

Alltagtag

Wir haben einen Alltag, obwohl er hier weniger planbar ist als in der Schweiz. Und das was geplant ist, muss im Gegensatz zur Schweiz auch nicht eingehalten werden. Es hat viel Gutes, mit diesem „Flow” zu leben. So ist es völlig klar, dass man bei einem Todesfall bei den Hinterbliebenen ist. Kommt hoher Besuch ins Dorf, so wird er gegrüsst, ab Ministerstatus mit Spalierstehen beim Einfahren. Wer sieht es brennt, der rennt (die Feuerwehr von Bardai ist Bardai). Wenn man auf dem Markt in einen Laden reingerufen wird, setzt man sich und trinkt in aller Ruhe einen Tee.

Diese Ereignisse, die meist unsere Tagespläne durcheinander bringen, bergen dafür oft schöne Begegnungen in sich. Das wäre in der Schweiz wahrscheinlich ebenso der Fall. Aber dort kann man es sich kaum leisten, seinen Tagesplan ein wenig flexibler durchzuführen wegen des Taktfahrplans und so.

Aber nun zum Alltag, falls dieser mal so richtig stattfindet. Zurzeit versuchen wir das Frühstück so spät wie möglich einzunehmen, da wir im Moment erst um ca. 7:15 Uhr die ersten Sonnenstrahlen im Innenhof haben (obwohl wir Dank Junia schon viel früher wach wären …). Auch hier ist es Winter und frühstücken bei 10 Grad macht einfach mehr Spass in der Sonne. Um 8:00 Uhr geht das Zentrum auf und einer von uns beiden beginnt dort mit der Arbeit. Der andere bleibt daheim mit Junia, bereitet das Essen für den Sonnenofen vor, wäscht Kleider oder macht andere Haushaltsarbeiten oder kann während Junias Vormittagsschläfchen in Ruhe und mit Konzentration an etwas arbeiten, wie es im Zentrum kaum geht. Im Haushalt gibt es unter anderem Folgendes zu tun: Duschwasser zum Aufwärmen in die Sonne stellen, auf dem Markt schauen, ob es frische Tomaten oder Früchte hat, Brot backen, Reis waschen, Datteln, Mehl oder Bohnen zum Trocknen und zur Insektenvernichtung an die Sonne legen bevor man sie weiterverarbeiten kann, von Hand in zwei Becken und eher kaltem Wasser abwaschen, Gemüse und Früchte in Javelwasser einlegen, unseren Stubenteppich mit dem Besen wischen, den Abfall hinterm Haus verbrennen, den Sand im Innenhof wischen, der Nachbarin den Schlauch fürs Wasser bringen, getrocknete Datteln im Mörser klein stampfen, usw. Nach Junias Morgenschlaf geht’s mit ihr ins Zentrum zur Übergabe.

Im Zentrum gehen wir mehreren Arbeiten nach. Simon arbeitet hauptsächlich an der Ergänzung des Wörterbuchs. Die Tedaga-Wörter müssen auf Französisch, Englisch und Arabisch übersetzt werden. Das ist nicht ganz einfach, da es viele Wörter in den anderen Sprachen gar nicht gibt. Oder wie würdet ihr „so tun als ob man jemandem etwas anschmeissen würde“ übersetzen? Nebst dem handfesten Wörterbuch arbeitet er auch an einem Wörterbuch-App. Eine andere Arbeit ist das Unterrichten von Computerkursen an den Nachmittagen.

Ein Wörterbuch ist die Grundlage und das Referenzwerk für die Spracharbeit und soll die Sprache auf die gleiche Stufe wie andere Schriftsprachen stellen. Die Sprache und Kultur und somit die Identität der Tubus zu stärken, das ist das Ziel in allen Aktivitäten des Zentrums. Die Tubus mit ihrem grossen Territorium in drei Ländern sollen ein freies, selbstbewusstes Volk bleiben und sich nicht von radikalen Ideologien kaufen lassen.

Anja erstellt Materialien (vorwiegend in Tedaga), um die Kinder und Jugendlichen, die ins Zentrum kommen, einerseits sinnvoll zu beschäftigen, aber auch in ihrer Lese- und Schreibkompetenz zu fördern. Ausserdem haben einige Frauen aus dem Dorf einen Französischkurs gewünscht, dieser wird in ein paar Tagen starten.

Der Morgen dauert bis zum Mittagsgebet, das im Moment um 12.45 Uhr ist. Dann heisst es Mittagessen aus dem Ofen raus und noch schnell fertig machen. Unsere kleine Dame ist dann kaum mehr aushaltbar, es muss wirklich schnell gemacht werden J. Wir essen, und um ca. 14.00 Uhr beginnt Junias Mittägsschläfli und unsere Siesta. Im Moment nutzen wir die Zeit auch zum Duschen, da unsere Open-Air-Dusche am Abend einfach zu kalt ist. Das bedeutet, das aufgewärmte Wasser in einen Eimer abzufüllen und ins Badezimmer zu tragen. Und auch dann ist das Duschen eher noch kalt und ungemütlich. So sind wir sicher, dass wir zurzeit nicht jeden Tag eine Ganzkörperdusche brauchen … J

Das Nachmittagsgebet ist in der kalten Zeit bereits um 14.45 Uhr und kurz darauf wird auch das Zentrum wieder geöffnet. Mindestens einer von uns beiden geht hin. Es ist aber auch die Zeit, in der man Frauen besuchen geht. So nimmt Anja manchmal Junia auf den Arm (wir sollten sie nicht so gut füttern und an ihrer Laufausdauer arbeiten) und zieht los, Freundinnen oder Frauen mit potentiellen Spielkameraden für Junia zu besuchen.

Der Nachmittag dauert ebenfalls bis zum nächsten Gebetsruf, bei Sonnenuntergang (zurzeit um ca. 17.15 Uhr). Dann muss man relativ schnell nach Hause, da es in Kürze ganz dunkel ist.

Wieder zu Hause müssen wir unseren Garten giessen, falls das keiner von uns am Nachmittag bereits gemacht hat. Ausserdem hat es ungefähr jeden zweiten Tag Wasser und alle Wasserbehälter müssen wieder aufgefüllt werden. Einer von beiden kümmert sich dann um das Abendessen (wir haben auch einen Kerosinkocher), während der andere sich um Junias Laune, Füsse und Hände kümmert. Da hier die Luft sehr trocken ist, wird die Haut ziemlich strapaziert.

Wir essen Znacht, wonach einer wieder in der dunklen, kalten Küche bei Taschenlampenlicht abwaschen und die Küche aufräumen muss. Das Abwasser leeren wir auf den Kompost. Die Matten draussen rollen wir jeden Abend zusammen, da wir Skorpionen keine zusätzlichen Schlupfwinkel bieten möchten. Wenn Junia schläft, geht’s zum Abschluss noch ans Windeln waschen …

Dann ist es etwa 20.00 Uhr und alles ist bereits erledigt. Allerdings sind meist auch wir erledigt. J

Ein substantieller Anteil unseres Alltags besteht daraus, uns mit dem Internet zu verbinden und schon lange geschriebene Mails endlich loszusenden oder lang ersehnte Mails endlich reinzukriegen. Diese Zeit birgt Frustpotenzial in sich, da es oft einfach unglaublich ist, wie schlecht die Leitung hier leitet.

Momentan treiben uns die ungemütlichen Temperaturen früh unter die Decke – manchmal sind wir noch fit für einen Film oder eine Folge von Maloney.

Unsere Tage sind ziemlich ausgefüllt und das sechs Tage die Woche. Aber es fühlt sich gut an. Wir haben keinen Stress und die Arbeit, die wir machen dürfen, scheint uns sehr sinnvoll. Uns gefällt das gut.

7. Dezember

Hier ein Bild wie die Sandhexe aussieht!
Und dass sie Schokoladengeschmack hat, wussten wir auch nicht.

1_guetsli

 

Mit diesen 0.7 Latern kriegen wir unser Geschirr garantiert fettfrei.

2_putzmitte

 

“MAGIC MAMY Dites adieu à la saleté” – Wie motivierend!

3_schwamm

6. Dezember

Bisher haben wir Tedawörter für zwei Instrumente kennengelernt: „Kîĩkĩ“ und „“Kûloli“. Welches wird wie Gitarre, welches wie Geige gespielt? Was denkt ihr?
(Das „ĩ“ wird nasalisiert ausgesprochen.)

5. Dezember

Die Sonne isst alles

So drücken die Tubus aus, dass von der Sonne fast alles kaputt geht mit der Zeit. Besonders Plastik leidet unter dem Sonnenlicht. So sind elastische Kleider ziemlich schnell „usgliiret“, wenn man sie zum Trocknen immer in die Sonne hängt (z.B. Unterhosen – ein sehr ungünstiges Beispiel).

Deshalb schützen die Tubu-Teenies ihre Motorräder, um sie möglichst lange „schön“ zu halten. Wir verstehen das nicht ganz, weil man ja gar nicht sieht, wie schön sie noch sind, wenn sie immer eingepackt sind. Jä nu, wir müssen ja auch nicht alles verstehen.

So sieht das Motorrad unseres Nachbarn aus:Motorrad_1 Kopie

Und wenn er für längere Zeit verreist, schützt er sein geschütztes Motorrad so:Motorrad_2 Kopie

4. Dezember

WhatsDown

Mit vielem habe ich ja gerechnet, als wir hierher kamen. Auch mit einer schlechten Internetverbindung (diese ist hier nur via Handynetz erhältlich und ich schaffe es knapp, pro Monat 300Mb herunterzuladen). Aber mit zwei Dingen rechnete ich nicht.

Damit, dass Wazzäpp hier verbreitet und (mit den nachstehenden Einschränkungen) sogar nutzbar ist: Reiner Text inklusive Emoticons wie gewohnt, kleine Bilder und Sprachnachrichten nur mit viel Glück und noch mehr Geduld.

Und schon gar nicht rechnete ich damit, dass mein Ajfon nach gut zwei Wochen meldete, dass mein Wazzäpp leider abgelaufen sei. Ein Apdeit sei unabdingbar. Ein solches sei aber gratis. Hocherfreut über diese Grosszügigkeit und mit einer schlechten Vorahnung versuchte ich die Äpp-Storen hochzukurbeln. Nach der positiven Überraschung, dass dies gelang, folgte die negative: Das Apdeit ist 52 Mega breit – zu breit für meine Internetverbindung zur besten Tages- bzw. Nachtszeit. Ich fühlte mich von den zuständigen Programmierern verÄppelt und dazu von Mac intoshen!

Nach zwei Wochen hörte ein Teenager von hier meine Klage ob dieser misslichen Lage. Weshalb ich denn nicht einfach das Datum im Handy ändere, sie hätten das hier alle so gemacht. Und siehe da: seit ich mich manuell in den August befördert habe, ist wieder Friede, Freude, Eifonkuchen!

PS: Ungelöst ist noch das Rätsel, weshalb der Versuch, auf Anjas Ajfon Wazzäpp zu aktivieren, nicht geht. Es kommt die Meldung, dass ihre Nummer keine gültige tschadische Nummer sei, obwohl sie bis auf eine Zahl identisch ist mit meiner. Wazzäpp-Kenner vor!