Alltagtag
Wir haben einen Alltag, obwohl er hier weniger planbar ist als in der Schweiz. Und das was geplant ist, muss im Gegensatz zur Schweiz auch nicht eingehalten werden. Es hat viel Gutes, mit diesem „Flow” zu leben. So ist es völlig klar, dass man bei einem Todesfall bei den Hinterbliebenen ist. Kommt hoher Besuch ins Dorf, so wird er gegrüsst, ab Ministerstatus mit Spalierstehen beim Einfahren. Wer sieht es brennt, der rennt (die Feuerwehr von Bardai ist Bardai). Wenn man auf dem Markt in einen Laden reingerufen wird, setzt man sich und trinkt in aller Ruhe einen Tee.
Diese Ereignisse, die meist unsere Tagespläne durcheinander bringen, bergen dafür oft schöne Begegnungen in sich. Das wäre in der Schweiz wahrscheinlich ebenso der Fall. Aber dort kann man es sich kaum leisten, seinen Tagesplan ein wenig flexibler durchzuführen wegen des Taktfahrplans und so.
Aber nun zum Alltag, falls dieser mal so richtig stattfindet. Zurzeit versuchen wir das Frühstück so spät wie möglich einzunehmen, da wir im Moment erst um ca. 7:15 Uhr die ersten Sonnenstrahlen im Innenhof haben (obwohl wir Dank Junia schon viel früher wach wären …). Auch hier ist es Winter und frühstücken bei 10 Grad macht einfach mehr Spass in der Sonne. Um 8:00 Uhr geht das Zentrum auf und einer von uns beiden beginnt dort mit der Arbeit. Der andere bleibt daheim mit Junia, bereitet das Essen für den Sonnenofen vor, wäscht Kleider oder macht andere Haushaltsarbeiten oder kann während Junias Vormittagsschläfchen in Ruhe und mit Konzentration an etwas arbeiten, wie es im Zentrum kaum geht. Im Haushalt gibt es unter anderem Folgendes zu tun: Duschwasser zum Aufwärmen in die Sonne stellen, auf dem Markt schauen, ob es frische Tomaten oder Früchte hat, Brot backen, Reis waschen, Datteln, Mehl oder Bohnen zum Trocknen und zur Insektenvernichtung an die Sonne legen bevor man sie weiterverarbeiten kann, von Hand in zwei Becken und eher kaltem Wasser abwaschen, Gemüse und Früchte in Javelwasser einlegen, unseren Stubenteppich mit dem Besen wischen, den Abfall hinterm Haus verbrennen, den Sand im Innenhof wischen, der Nachbarin den Schlauch fürs Wasser bringen, getrocknete Datteln im Mörser klein stampfen, usw. Nach Junias Morgenschlaf geht’s mit ihr ins Zentrum zur Übergabe.
Im Zentrum gehen wir mehreren Arbeiten nach. Simon arbeitet hauptsächlich an der Ergänzung des Wörterbuchs. Die Tedaga-Wörter müssen auf Französisch, Englisch und Arabisch übersetzt werden. Das ist nicht ganz einfach, da es viele Wörter in den anderen Sprachen gar nicht gibt. Oder wie würdet ihr „so tun als ob man jemandem etwas anschmeissen würde“ übersetzen? Nebst dem handfesten Wörterbuch arbeitet er auch an einem Wörterbuch-App. Eine andere Arbeit ist das Unterrichten von Computerkursen an den Nachmittagen.
Ein Wörterbuch ist die Grundlage und das Referenzwerk für die Spracharbeit und soll die Sprache auf die gleiche Stufe wie andere Schriftsprachen stellen. Die Sprache und Kultur und somit die Identität der Tubus zu stärken, das ist das Ziel in allen Aktivitäten des Zentrums. Die Tubus mit ihrem grossen Territorium in drei Ländern sollen ein freies, selbstbewusstes Volk bleiben und sich nicht von radikalen Ideologien kaufen lassen.
Anja erstellt Materialien (vorwiegend in Tedaga), um die Kinder und Jugendlichen, die ins Zentrum kommen, einerseits sinnvoll zu beschäftigen, aber auch in ihrer Lese- und Schreibkompetenz zu fördern. Ausserdem haben einige Frauen aus dem Dorf einen Französischkurs gewünscht, dieser wird in ein paar Tagen starten.
Der Morgen dauert bis zum Mittagsgebet, das im Moment um 12.45 Uhr ist. Dann heisst es Mittagessen aus dem Ofen raus und noch schnell fertig machen. Unsere kleine Dame ist dann kaum mehr aushaltbar, es muss wirklich schnell gemacht werden J. Wir essen, und um ca. 14.00 Uhr beginnt Junias Mittägsschläfli und unsere Siesta. Im Moment nutzen wir die Zeit auch zum Duschen, da unsere Open-Air-Dusche am Abend einfach zu kalt ist. Das bedeutet, das aufgewärmte Wasser in einen Eimer abzufüllen und ins Badezimmer zu tragen. Und auch dann ist das Duschen eher noch kalt und ungemütlich. So sind wir sicher, dass wir zurzeit nicht jeden Tag eine Ganzkörperdusche brauchen … J
Das Nachmittagsgebet ist in der kalten Zeit bereits um 14.45 Uhr und kurz darauf wird auch das Zentrum wieder geöffnet. Mindestens einer von uns beiden geht hin. Es ist aber auch die Zeit, in der man Frauen besuchen geht. So nimmt Anja manchmal Junia auf den Arm (wir sollten sie nicht so gut füttern und an ihrer Laufausdauer arbeiten) und zieht los, Freundinnen oder Frauen mit potentiellen Spielkameraden für Junia zu besuchen.
Der Nachmittag dauert ebenfalls bis zum nächsten Gebetsruf, bei Sonnenuntergang (zurzeit um ca. 17.15 Uhr). Dann muss man relativ schnell nach Hause, da es in Kürze ganz dunkel ist.
Wieder zu Hause müssen wir unseren Garten giessen, falls das keiner von uns am Nachmittag bereits gemacht hat. Ausserdem hat es ungefähr jeden zweiten Tag Wasser und alle Wasserbehälter müssen wieder aufgefüllt werden. Einer von beiden kümmert sich dann um das Abendessen (wir haben auch einen Kerosinkocher), während der andere sich um Junias Laune, Füsse und Hände kümmert. Da hier die Luft sehr trocken ist, wird die Haut ziemlich strapaziert.
Wir essen Znacht, wonach einer wieder in der dunklen, kalten Küche bei Taschenlampenlicht abwaschen und die Küche aufräumen muss. Das Abwasser leeren wir auf den Kompost. Die Matten draussen rollen wir jeden Abend zusammen, da wir Skorpionen keine zusätzlichen Schlupfwinkel bieten möchten. Wenn Junia schläft, geht’s zum Abschluss noch ans Windeln waschen …
Dann ist es etwa 20.00 Uhr und alles ist bereits erledigt. Allerdings sind meist auch wir erledigt. J
Ein substantieller Anteil unseres Alltags besteht daraus, uns mit dem Internet zu verbinden und schon lange geschriebene Mails endlich loszusenden oder lang ersehnte Mails endlich reinzukriegen. Diese Zeit birgt Frustpotenzial in sich, da es oft einfach unglaublich ist, wie schlecht die Leitung hier leitet.
Momentan treiben uns die ungemütlichen Temperaturen früh unter die Decke – manchmal sind wir noch fit für einen Film oder eine Folge von Maloney.
Unsere Tage sind ziemlich ausgefüllt und das sechs Tage die Woche. Aber es fühlt sich gut an. Wir haben keinen Stress und die Arbeit, die wir machen dürfen, scheint uns sehr sinnvoll. Uns gefällt das gut.

hallo zäme
fast unbekannterweise, ich bin die Frau von Beat. Danke für Eure wunderschönen Bilder und die interessanten Berichte!
Viel Energie für den zwar gemächlicheren aber doch seeehr anstrengenden Alltag im wunderschönen Kontinent!
Liebe Grüsse