Feel the rhythm!

Das Leben in einem zur Hälfte muslimischen Land und einem fast ganz muslimischen Stadtteil funktioniert anders. Alltag und Religion fliessen unzertrennbar ineinander hinein.

Es beginnt mit dem Gebetsruf morgens um 4.30 Uhr, der für viele der Wecker ist. Der Tag beginnt. Die Männer gehen in die nächstgelegene Moschee, welche hier in der Stadt wirklich sehr nahe ist, egal wo man wohnt. Anschliessend trinken die Männer ihren ersten Tee. Währenddessen beten die Frauen meist zu Hause und beginnen dann ihre Hausarbeit mit Innenhof wischen und Frühstück kochen. (Ich wurde gefragt, was es denn im Sand zu wischen gäbe. Aber da der Sand als Abfalleimer und Kompostchübeli dient, gibt es eben doch täglich viel zu wischen…)

Wer eine Arbeit hat, erledigt die bis zum nächsten Gebetsruf, der um 13.30 Uhr durch die batteriemüden Lautsprecher gesungen wird. (Ausser man ist Verkäufer auf dem Markt. Das ist eigentlich ein fulltime Job, aber auch hier gönnt man sich über den Mittag ein Schläfchen und während des Gebets muss irgendjemand auf die Waren aufpassen, er kann dann später beten.) Anschliessend wird gegessen und dann, während der heissesten Stunden ist nicht mehr viel zu wollen bis zum dem nächsten Gebet um 15.30 Uhr, für das die Leute dann wieder aus den etwas kühleren Häusern kommen. Jetzt bleibt Zeit für weitere Einkäufe und Besuche. Wenn man während einer Gebetszeit bei jemandem auf Besuch ist, dann findet diese natürlich trotzdem statt. Männer gehen raus, Frauen breiten einfach ihren Teppich aus und lassen sich durch meine Anwesenheit kein bisschen beirren.

Bei jedem auch noch so kleinen Gespräch – beim Einkaufen auf dem Markt, bei Begegnungen mit Bekannten und Unbekannten auf der Strasse – wird Gott gelobt, sein Wille akzeptiert, einander Segen und Frieden gewünscht. Ins Taxi steigen, die Zündung drehen und was man sonst noch so macht, alles wird mit den Worten „im Namen Gottes“ begonnen.

Die Frauen schauen, dass sie vor dem Sonnenuntergang um ca. 18.20 Uhr wieder zu Hause sind. Denn mit ihm erklingt der nächste Gebetsruf. Einmal mehr versammeln sich alle Männer in Reih und Glied mit dem Blick nach Mekka und beten dem Vorbeter nach.

Abendessen wird gekocht und den Männern, die häufig noch vor den Häusern sitzen, serviert. Um 19.30 Uhr erklingt ein letztes Mal der Gebetsruf und die Leute waschen sich zum fünften Mal an diesem Tag ihre Füsse, Hände bis zu den Ellbogen, das Gesicht, netzen die Haare, spülen die Ohren und den Mund.

Anschliessend gibt es nicht mehr viel zu tun, und wegen oft fehlendem Licht auch keinen Grund mehr um noch lange wach zu bleiben. Tschadische Männer haben sehr mobile Betten und breiten ihre Matte häufig dort aus, wo sie zur Schlafenszeit dann sind. Wenn man spät Abends durch die Strassen geht, trifft man auf einige in Teppich eingerollte schlafende Gestalten.

Die Bezeichnungen der Tageszeiten wie bei uns Morgen, Nachmittag, Abend, usw. sind hier den Gebetszeiten angepasst. Wir passen uns diesem Lebensrhythmus ein bisschen an: Das Mittagsschläfchen bemühen wir uns strikte einzuhalten und um der allgegenwärtigen „Bestäubung“ entgegenzuwirken waschen wir uns auch mehrmals täglich. Aber wie oft sind wir schon zur Haustüre raus, weil wir was kleines zum Essen besorgen wollten oder dringend Handykredit brauchten, und gerade dann kommt wieder ein Gebetsruf. Da kann man nur umdrehen und es in 20 Minuten noch einmal versuchen.

Erledigt sein oder haben

Schnell ein paar Sachen erledigen wollte ich. Eine Preisauskunft über Wandkarten vom Tschad und anderes sollte ich besorgen. Erst die langsame Internetverbindung erinnerte mich daran, dass ich ja im Tschad bin und diese Informationen nicht bei google zu finden sind. Hier gilt: „On est ensemble.“

In jener Bücherei, sagte jemand, in einem bestimmten Bereich des grossen Marktes, sagte jemand anderes, seien diese Karten wohl zu finden. Also zogen wir eines brütend heissen Donnerstag Nachmittags auf in jene Bücherei. „Nein, in dieser Filiale nicht“. „Nein“, sagte die Person am Telefon im Mutterhaus der Bücherei, „die sind ausverkauft und für eine Preisauskunft müssen sie vorbeikommen.“ Nun gut. Am nächsten Tag Freitag gegen  10.30 Uhr, rufe ich das Büro der Herausgeber der Karten an: „Kommen sie am Montag vorbei.“

Am Freitag Nachmittag gehe ich bei jemandem im Büro vorbei, der gemäss einem Tipp, den Preis der Karten und Lautsprecher in seiner Buchhaltung nachschauen kann. Nach langem Palaver und erfolglosem Suchen in der EDV-Buchhaltung darf ich meine Nummer dort lassen. Ich würde angerufen werden, sobald die Rechnung der Lautsprecher gefunden sei. Mangels Gelassenheit (leicht genervt) habe ich vergessen, wegen der Karten zu fragen. Und ich wollte noch ein paar andere Sachen erledigen an diesem Nachmittag. Doch eigentlich sollte ich ja wissen, dass hier in jeder Situation gilt: Wer pressiert, verliert.

Am Samstag morgen versuchte ich mein Glück auf dem grossen Markt. Nach langem Herumfragen legte mir jemand eine Wandkarte vom Tschad vor. In schlechtem Zustand und überteuert. Er habe überall gesucht, es sei die Letzte auf dem gaaanzen Markt. „Z’schaad!“

Doch nach tagelangem, erfolglosem Suchen erledigte sich alles innert 24 Stunden: Am Montag darauf schlenderte ich abends beim Büro vorbei, wo ich meine Nummer hinterlassen hatte: „Ach ja, wir haben leider die Rechnung nicht gefunden.“ Doch dann fragte er einen dabeistehenden Kollegen, und der nannte einen anderen Kollegen, der die Preise kenne. Ein kurzes Telefonat und ich wusste, was ich wissen musste.

Auf der Strasse setzte ich mich zu den Jungs, mit denen ich gelegentlich einen Tee trinke. Einem klagte ich meinen Kummer. Und siehe da: Ein Kollege von ihm arbeite bei den Herausgebern der Karten, meinte er, und er komme mich morgen um 9.00 Uhr abholen, da ich ja kein Fahrzeug habe. Yeah!

Dienstag, Punkt 9.00 Uhr war er da und wir fuhren los. Nach einigem hin und her erstand ich gleich zwei Karten, da sie zu den Letzten ihrer Art zu gehören scheinen. Eine Rechnung dafür würden wir aber erst am Nachmittag kriegen, da die vom momentan abwesenden Direktor signiert werden müsse. Da die Karten in schlechtem Zustand waren, hätte ich sie gerne laminieren lassen. Mein treuer Begleiter fragte sich von Kopiergeschäft zu Kopiergeschäft durch, bis wir uns schliesslich damit abfinden mussten, dass keine so grosse Laminiermaschine zu finden ist und transparentes Klebeband an den Rändern reichen muss. Abends, als sich die 24 Stunden dem Ende zu neigten, kam mein „Tee-Kollege“ mit der Rechnung, er hatte es sich nicht nehmen lassen, diese noch für mich zu holen. Merci!

 

Wasser

Die Menschen der Wüste haben ein Sprichwort das so was Ähnliches sagt wie: „Viel Geld ist kostbar, wenig Wasser ist köstlich.“

Was das heisst, erleben wir seit etwa drei Wochen. Wir haben nämlich sozusagen kein Wasser mehr. Es fliesst nur noch in der Nacht aus unserem Hahn, oft erst sehr spät, spärlich und nur für wenige Stunden. D.h. unsere Wasservorräte können wir nur unter grossem Zeitaufwand und Schlafmangel wieder aufbessern: alle 30 Minuten aufstehen und den vollgetropften Kanister ins Fass kippen.

Plötzlich macht man sich plötzlich ganz viele Gedanken:

Ist es wichtiger Strom oder Wasser zu haben?

Wie lange will ich das Abwaschwasser brauchen, bevor ich mein aktuelles Spülwasser ins neue Abwaschwasser verwandle?

Wie lange kann ich eigentlich zuwarten mit dem Abwasch? Oder soll ich jeweils einfach das waschen, das ich gerade zum Kochen brauche?

Soll ich lieber meine Kleider oder meine Haare waschen? (Zum Glück ist das Kopftuch immer mit dabei. J)

Wie viel Waschpulver (Marke: „klin“) soll ich ins Wasser geben? Je weniger, desto weniger Wasser brauche ich um es wieder auszuwaschen…

Reicht es nicht auch, wenn ich meine Füsse einfach einmal vor dem zu Bett gehen wasche? (Die Füsse könnte man hier nämlich alle 10 Minuten waschen. Schon alleine vom Gang in die Küche oder zur Toilette werden sie wieder schmutzig.)

Soll ich immer jemanden rufen um mir beim Händewaschen zu helfen, um so weniger Wasser zu verbrauchen, als wenn ich versuche mir selbst das Wasser über die Hände zu giessen.

Soll ich auch beim Zähneputzen Wasser sparen und meine Zahnbürste nicht mehr anfeuchten bevor ich sie in den Mund nehme?

Soll ich beim Haarewaschen das ausgespülte Wasser auffangen, um mir damit anschliessend noch die Beine zu rasieren?

Usw.

Wenn man will, kann man auch an einem Ort wie hier, wo wir fast nie fliessend Wasser haben, noch viel mehr Wasser sparen. Aber es ist sehr aufwändig und energieraubend. Zum Glück haben wir herausgefunden, wie die Tschader das machen. Sobald unsere Wasservorräte sich dem Ende zu neigen, beauftragen wir den Gasverkäufer neben unserem Haus, der den ganzen Tag draussen auf seinem Stuhl sitzt, den nächsten vorbeikommenden Wasserträger, bzw. Wasserleiterwagenschieber reinzuschicken. So lassen wir uns alle zwei bis drei Tage 250l Wasser für 2sFr. direkt in unsere Wassertonnen liefern. Jetzt müssen wir nur noch nachschlafen und alles ist wieder gut.

 

Ein kleiner Hinweis an alle fleissigen und potentiellen Postsendenden: Briefe mit z.B. Eisteepulver- oder Vanillecrèmebeutel drin sind bis jetzt nicht angekommen. Ein Dankeschön trotzdem an alle bekannten und unbekannten Versender solcher Briefe – nicht nur im Namen dessen, der sich die alle unter den Nagel gerissen hat.

Dafür kommen einfache Briefe und Pakete, soweit wir davon wissen, fast immer an. Vielen Dank!

Reise ins Tibesti-Gebirge – quantitative und qualitative Analyse

Quantitative Analyse

Dauer total in Tagen: 27

Davon im/auf dem Fahrzeug: 12/27

Davon Zwischenhalte: 5/27

Davon Aufenthalt in Bardaï: 10/27

Distanz Hinweg: ca. 2000km

Distanz Rückweg: ca. 1700km

Höchster Punkt: ca. 2500 m.ü.M. (beim phantastischen „trou de natron“ links)

Anzahl Plattfüsse: 6

Anzahl Motorpannen: 1 kaputte Kupplung (kurz vor N’Djamena), ein paar müde Zündkerzen

Dieselverbrauch: gross (wir waren stets mit zwei 200l-Fässern unterwegs)

Anzahl warme Mahlzeiten während der Tage unterwegs: ca. 15

Anzahl warme Mahlzeiten während des Aufenthaltes in Bardaï: 28

Zusammensetzung bei 90% aller warmen Mahlzeiten: Nudeln/Reis, Öl, Salz, Tomatenpüree, Zwiebeln, Fleisch/Thon/Sardinen.

Anzahl Tiere, die dafür ihren Hals hinhalten mussten: 4 Ziegen, 1 Schafsbock, 1 Gazelle.

Deren Kosten für uns: 0.- (Das Zitat zu dieser tierisch grossen Gastfreundschaft: „il faut supporter la gentillesse“)

Restliche 10% der warmen Mahlzeiten: Im ehemaligen Benzinfass gebackenes Fladenbrot mit Konfitüre, Reissalat mit frischen(!) Tomaten, Milchreis, Milchnudeln, Boule mit Fleischsauce.

Andere Nährstoffe: Datteln in jeder Form (auch als Dattelsüssigkeitsextrakt im Tee), Erdnüsse, ½ Apfel (Herkunft: Südtirol!), 4 Orangen, 1 Banane.

Anzahl Tage ohne Kleiderwechsel: durchschnittlich 3

Waschwasser pro Reisetag: < 0,5l

Anzahl angetroffene Fliegen: 1’374’243

Anzahl getroffene Fliegen: 27

Anzahl japanische Touristen in Bardaï: 12

 

Qualitative Analyse

Tschapdate (Td): Was habt ihm beim ersten Anblick der zwei Fahrzeuge gedacht, die euch und acht weitere Leute nach Bardaï bringen sollten?

Simon: Tim & Struppi im Kongo.

Td: Wie war der Reise-Rhythmus?

Anja: Der Chauffeur bestimmt, wann ich auf die Toilette muss, wann ich Hunger habe und auch wann ich Lust habe, einfach mal schnell meine Beine zu vertreten (und Tschader scheinen irgendwie weder Hunger noch den Drang auf die Toilette zu müssen zu verspüren).

Simon: Hinten auf dem Gepäck bestimmte die Sitzunterlage und deren schüttelrüttelbedingte Verschiebung die Dauer bis zum nächsten Lagerungswechsel. Für die Bekleidung war „Schichtbetrieb“ angesagt: morgens und abends Handschuhe und Regenhosen gegen den kühlen bis frostigen Fahrtwind, tagsüber möglichst überall nur eine dünne Schicht oder Sonnencrème – so ist der Winter in der Sahara.

Td: Simon, du als lic. phil. Linguist und Ethnologe, wie sieht die ethno-linguistische Zusammensetzung der Bevölkerung im Tibesti aus?

Simon: Nun gut. Das Tibestigebirge ist das Kern-Territorium der „Teda“. Von Aussen werden sie „Toubous“ (‚Leute der Berge’) genannt. Sie leben nicht nur im Tschad, sondern auch in den angrenzenden Gebieten in Libyen und im Niger. Weithin unbekannt und unterschätzt, spielen sie wohl in der Sahara eine gleichwichtige Rolle wie die Tuareg. Ihre Sprache, „Tedaga“, ist eine (Nilo?-)Saharanische Sprache, deren zahlreiche Besonderheiten das Herz eines jeden Linguisten höher schlagen und die Schweissporen eines jeden Sprachlernenden schneller arbeiten lassen.

Td: Wie war das Reisen in der Wüste für dich als Frau, Anja?

Anja: Ganztägiges Kopftuch-Tragen, getrenntes Essen, teilweise getrenntes Schlafen, immer mit Abstand hinter den Männern spazieren (auch wenn man besser weiss, wo der Weg durchgeht!) – eigentlich einfach möglichst unsichtbar sein. Und überall wo ich mich „ladies first“ gewohnt bin, ist das Gegenteil angebracht. Am Anfang war es schwierig zu akzeptieren, aber nachdem ich mich entschieden hatte, mich nicht innerlich die ganze Zeit dagegen zu sträuben, war es nicht mehr schlimm.

Td: Ihr konntet auf dieser Reise auch der Inthronisation des „Derdé“, des Sultans der Toubous, beiwohnen. Wie war das?

Simon: Die Inthronisation selbst war zuerst geprägt von stundenlangem Warten und dann einer Zeremonie, von der wir wegen der zahllosen (Hobby-)Fotografen und der diese wegtreibenden Ordnungskräften nicht viel mitkriegten.  Richtig cool war aber, am Morgen darauf beim Besuch mit unserem Team den Sultan persönlich zu beglückwünschen und mit ihm und seiner Entourage einen Tee zu trinken.

Anja: Die Inthronisation habe ich wie Simon erlebt und den persönlichen Besuch durfte ich vom Auto aus beobachten J.

Td: Und wie sieht das nun mit dem Projekt für das Zentrum aus?

Simon: Es bleibt spannend.

Anja: Total spannend.

Td: Was möchtet ihr sonst noch sagen?

Simon: Was unterscheidet ein Pferd von einem Kamel? Das erste ist ein Sattelschlepper, das zweite ein Dattelschlepper.

Anja: ça y est.



Überbrückung

Liebe tschapdate-Leser

Da sind wir wieder, „gesand“ und munter zurück aus der Sahara.

Bis wir uns wieder in der Hauptschad organisiert haben und unsere überwältigenden Erlebnisse in Worte fassen können, ziehen wir einen anderen Artikel aus dem Köcher. Viel Spass!

Berufe

Wir wissen, dass einige von euch mit ihrer aktuellen Arbeitssituation nicht besonders zufrieden sind, und sich nach etwas Neuem umschauen. Wir möchten gerne euern Horizont erweitern und euch einige Berufe vorstellen, die euch die Berufsberatung ziemlich sicher verschwiegen hat. Unseres Wissens gibt es diese Berufe aber nur hier. Das heisst, wenn euch einer davon anspricht, müsst ihr für die Schnupperlehre hierherkommen. Selbstverständlich könntet ihr aber bei uns übernachten!

Hier sind sie, alphabetisch geordnet, mit der kulturell definierten Genderendung:

Einfache Berufe:

  • Allround-Handwerk-Taglöhner (einfach mit einer Tasche voller Werkzeug am Strassenrand auf einen Arbeitgeber warten)
  • Autonummernschild-Maler
  • Bus- oder Taxifüller
  • Djalabiyyaschneider (das Männergewand)
  • Eis-Verkäufer (also nicht Glace, sondern echtes Eis in riesigen Blöcken, zugeschnitten mit einem Fahrradzahnkranz)
  • Fleischwolf-Bediener
  • Grosse-Steine-zu-kleinen-Steine-Zertrümmerin
  • Gurken-Schäler/in
  • Hausierender-Wasch- und-Bügelmann (mit so einem richtig währschaften mit Kohle gefüllten Bügeleisen)
  • Heuschrecken-Rösterin
  • Hühner-Verkäufer
  • Kanisterweise-Wasser-ins-Haus-Lieferer
  • Knoblauch-Rüster/in-und-in-Säckli-Verpacker/in
  • Medikamententurm-in-der-Hitze-Herumtrager-und-Abnehmersucher
  • Milchkarren-Transporteur
  • Motorrad-Sattelüberzug-Näher
  • Motorradtaxi-Chauffeur
  • Sammelbus-Fahrpreis-Einzieher-und-mittels-Klopfsignal-auf-die-Karosserie-Haltverlang-Melder
  • Schafe-auf-dem-Motorrad-ins-Schlachthaus-Transporteur
  • Schubkarren-Gemüse-oder-Früchte-Verkäufer
  • SIM-Karten- und-Prepaid-Credit-an-jeder-Ecke-Verkäufer
  • Strassen-Wischerin
  • „Strassenwüschätä-Zämäläserin“
  • Teelieferant (immer schön heiss, dank der in einem Gefäss unter der Kanne befestigten Kohle)
  • Tragtaschen-Verkäufer
  • Turban-Verkäufer
  • Zeitungspapiertüten-Falter

Kopflastige Detailhandel-Berufe:

  • Bananen-, Eier-, Colanuss-, Zigaretten-, Pommade-, Zuckerstengel-, Zuckerrohrstengel-,  Gebetsteppich-auf-dem-Kopf-Träger/innen. (Dafür gibt es keine Brief-Träger)

Kombinierte Berufe

  • Auto- , Motorrad-und-Teppich-Wascher
  • Chauffeur und Mechaniker
  • Ladenbesitzer und Sandwichmacher
  • Kopierer und PC-Text-Eingeber
  • Schulabwart und Schul-Kiosk-Verkäufer und Lehrer-Pausen-Tee-Brauer
  • Lehrer/in und Überleber/in (unser aktueller Beruf)

Spezialisierte Berufe

  • Briefe-Sortierer
  • In-der-Bäckerei-Eis-Zertrümmerer
  • Grosse-Pakete-Sortierer
  • Kleine-Pakete-Sortierer
  • Post-Frankiererin (siehe Artikel „Posttraumatische Verstörung“)

Le grand nord

 

Leider müssen wir euch an dieser Stelle mitteilen, dass es mit den update auf tschapdate für die nächsten 4-5 Wochen Schluss ist. Nein, wir streiken nicht, obwohl eine Verbesserung unserer Internetverbindung definitiv mal einen Streik wert wäre…

 

Wir haben eine Angebot für ein kleines Projekt von 6-9 Monaten ab dem Sommer. Im Zusammenhang mit Alphabetisierung geht es darum, eine Bibliothek zu starten und vielleicht auch einen Kindergarten, Englischkurse… an Bedürfnissen fehlt es nicht. Denn dieses wäre nicht in der Hauptstadt, sondern in einem Ort im ganz hohen Norden, mitten in der Sahara. Aber um uns entscheiden zu können, sind wir eingeladen, diese Reise zu machen. Wenn man 1700km weit nach Norden reist, kann man davon ausgehen, dass dort das Leben etwas anders ist. (Wie zum Beispiel in Oslo das Leben auch anders ist, als in Weinfelden.) Das gehen wir nun anschauen.

 

Wir freuen uns gespannt auf je eine fünftägige Reise auf unbefestigter Strasse, Geröll und Dünen, auf eine einmalige Landschaft, auf was es dort zu Essen gibt, auf die Begegnungen mit den Menschen dieser Bevölkerungsgruppe und viele Abenteuer, von denen wir noch nichts wissen.

 

Auf der Foto seht ihr einen Teil unsere Vorbereitung: Unser Hightech-Outdoor-Equipment für die Expedition wurde durch eine selbstgenähte Biwakhülle vervolls(t)ändigt und getestet– Sandsturm, wir sind bereit!

 

Am Freitag um 5.00 geht’s los und der nächste Versand eines tschapdate folgt, wenn wir nicht mehr versandet sind.

 

Herzlich, Simanja

Schule

Wir ergreifen den Füller um die längst fällige Lücke in unserem Tagesablauf-Artikel „Ein tanz normaler Gag“ zu füllen. Es geht also in diesem Artikel um unsere Haupttätigkeit, abgesehen vom Überleben.

Von dort wo wir aus dem Taxi aussteigen, sind es knapp 300m bis zur Schule. Wenn wir genügend früh dort sind, sehen wir gerade noch, wie die Kinder ihren „bewegten Unterricht“ in einer Art Zugschule absolvieren und dann in die Klassenzimmer geschickt werden. Wir begrüssen all die Lehrer, die selbst noch nicht im Zimmer sind, mit den üblichen Fragen und ziemlich klar vorgegebenen Antworten: „Wie geht’s? Wie geht’s deinem Haus? Wie geht’s mit der Gesundheit? Wie geht’s mit der Kälte (hier ist nämlich auch Winter)? Hast du gut geschlafen? Bist du gut aufgewacht? – Es geht gut. Es geht. Es geht ein bisschen. Danke.“

Natürlich begrüssen wir auch den Generaldirektor, den Generalsekretär und die Verwalterin (die einzige Ausländerin neben uns), falls sie anwesend ist. Ja, Formelles ist sehr wichtig, auch die minutengenauen Stundenpläne, an die wir unsere Lektionen anpassen mussten. Wenn wir dann aber zum ersten Schulzimmer schreiten und klopfen, gelingt es uns immer wieder, eine willkommene Überraschung zu sein. Dafür werden wir von anderen Lehrern wirklich mit schweizerischer Pünktlichkeit erwartet.

Wir haben zwei Aufgaben. Einerseits gehen wir einmal pro Woche in jeder Klasse vorbei, um ihnen eine Geschichte aus dem alten Testament zu erzählen. Wir arbeiten mit kürzlich erschienenen Kinderbüchern mit kulturell angepassten Illustrationen. Die Hauptunterrichtssprache und die Schulbücher sind in Französisch, was für fast alle dieser Kinder bereits die zweite Fremdsprache ist. Zu Hause sprechen sie eine der ca. 135 Landessprachen und auf der Strasse lernen sie als erste Fremdsprache das Tschadarabische.Die Bilder sind also sehr nützlich, da vor allem bei den Kleineren das Französischniveau sehr tief ist und wir ihnen nur wenig Tschadarabisch „einbrocken“ können.

Unsere zweite Aufgabe besteht darin, Bibliotheksstunden anzubieten. Wir übernehmen für ca. 30min. jeweils eine Halbklasse und bieten ihnen eine Auswahl von Kinderbüchern und -zeitschriften zur Lektüre an. Die Fähigkeit des Lesens und vor allem des Verstehens ist bei den meisten ziemlich gering.  Wir versuchen sie jeweils am Anfang der Lektion mit Leseverständnisrätseln zu fördern. Diese und letzte Woche haben wir ausnahmsweise Puzzles gemacht. Das war ein Spass! Für die meisten Kinder war es das erste Mal.

Wir hoffen, dass unser etwas anderer Unterrichtsstil, die Lehrer zu mehr Methodenvielfalt inspiriert. Dabei muss ich, Anja, aber feststellen, dass ganz vieles, was ich in der Ausbildung und bisherigen Berufserfahrung als richtig und wichtig gelernt habe, hier schlicht nicht anwendbar ist. Bei Klassengrössen von (an unserer Schule „nur“!) 50 Kindern, Schulzimmergrössen von 28qm und sozusagen ohne Material, wird man in seinen Methoden definitiv eingeschränkt. Die Frage der Disziplin und Konzentration stellt sich uns immer wieder. Wir versuchen auch da, den traditionellen tschadischen Methoden Alternativen entgegenzustellen.

 

Zum Material und der Infrastruktur

Als wir eine Woche vor Schulbeginn erstmals das Schulgelände sahen, konnten wir uns nicht vorstellen, dass hier in einer Woche Schule stattfinden sollte. Aber erstaunlicherweise war dann alles startklar: sieben Schulzimmer, wobei einige nur aus Wellblechwänden bestehen. Ein weiterer Faktor, der konzentriertes Arbeiten erschwert und es uns verunmöglicht, in Zimmerlautstärke die Geschichte zu erzählen, wenn im Nachbarszimmer im Chor Englisch geübt wird.

Aus der Schweiz kommend, ist es unglaublich zu sehen, wie hier niemand eine Kopiermaschine braucht. Auch Laminiergeräte, Hellraumprojektoren, Beamer, Gruppenräume, Turngeräte, Lehrerpulte, Lavabos, Papier, Farbstifte, usw. sind nicht vorhanden. Jedes Schulzimmer hat eine „Wandtafel“ (schwarz angemaltes Brett) und jeder Lehrer holt sich am Morgen seine Ration Kreide und einen langen Massstab. Die Schüler bringen selbst Hefte und Kugelschreiber mit.

Wie ihr seht, sind die Umstände von Infrastruktur, Klassengrösse, Material und Sprache nicht einfach. Aber die Arbeit an der Schule macht uns viel Spass und das gemeinsame Vorbereiten der Geschichten ist interessant.

Wie ihr vielleicht auf den Fotos erkennen könnt, ist hier „altersdurchmischter Unterricht“ kein Diskussionsthema sondern einfach an der Tagesordnung.