23. Dezember

Neubeginn

In unserem letzten Oasenaufenthalt durften wir bei zwei wunderschönen Ereignissen dabei sein.

Von einem Tubu-Freund wurden wir gefragt, ob wir in seinem Garten einen Baum pflanzen wollen. So kam es, dass wir an einem Sonntagnachmittag die 45 Minuten zu seinem Garten rausfuhren und dort zwei Bäumchen pflanzten.
Hoffentlich schaffen sie es, unter diesen Bedingungen gross zu werden. Sie sollen tiefe Wurzeln machen und eine Krone entwickeln, die kleineren Pflanzen im Garten Schutz vor der Sonne bietet.

Manchmal, wenn ich mir alle Entwicklungen vor Augen führe, die nicht in die erhoffte Richtung gehen, dann kommt mir das Zitat von (angeblich) Martin Luther in den Sinn:

“Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch eine Apfelbäumchen pflanzen.”

Martin Luther

Ich denke, er hat Recht. Ich glaube tatsächlich, dass wir das tun müssen. Und es war echt eine Ehre, dass wir das im Herzen der Sahara machen durften.

Das zweite Ereignis war, dass wir völlig unerwartet dabei sein konnten, als ein Schaf unserer Vermieterin Zwillinge zur Welt brachte. Einfach wunderbar!

Gelandet im schmutzigen Staub, aber schon nach wenigen Minuten auf den Beinen. Wirklich eindrücklich und hoffnungsvoll.

Unsere absolut grossartige Vermieterin und Besitzerin der Schafe

22. Dezember

Videos vom Concours toubou 2022

Diese beiden Videos wurden von einem einheimischen Filmemacher gemacht. Zuerst hier ein kurzer Einblick in die Kurse und die Abschlussfeier.

Concours toubou 2022

Für den Concours toubou 2022 haben uns Künstler von Cup of Color begleitet. Zusammen mit den Teilnehmern des Concours toubou haben sie die Aussenfassade des Kulturzentrums, wo der Anlass stattfindet, völlig neu gestaltet. Wir sind begeistert. Von ihrer Arbeit und vom Resultat. Aber schaut selbst:

Cup of Color am Concours toubou 2022

Und (für die mit ganz langem Atem) hier die Reportage vom Nationalfernsehen Télé Tchad.

21. Dezember

Ein Lehrmittel für Libyen

Wenn ich darüber nachdenke, ist es echt krass, dass ich heute gerade ein kleines Erklärvideo zu “meinem Lehrmittel” fertigstellt habe. Die vorläufig letzte Handlung für ein Projekt, das nun über 18 Monate gelaufen ist.
Kurz die Geschichte dazu.

Seit einigen Jahren ist es im Süden Libyens erlaubt, ja sogar obligatorisch, drei Wochenlektionen Tedaga-Unterricht zu machen. Der ganze Rest des Unterrichts geschieht auf Arabisch. Schön und gut, dass jetzt ein bisschen Unterricht in der Muttersprache stattfinden soll – aber was genau könnte denn da unterrichtet werden? Ein Tubu – wir nennen ihn den Tubu-Linguisten – hat Lehrmittel für drei Jahre hergestellt. In denen werden hauptsächlich die lateinischen Buchstaben gelehrt, die es fürs Tedaga braucht. Aber dann wusste er nicht mehr so richtig weiter und hat sich an uns gewandt. Ob wir ihm bei der Lehrmittelentwicklung helfen könnten? Konkret, er brauche was für das vierte Schuljahr. Und eigentlich auch bis in die 9. Klasse.  

Da wir uns immer über Initiativen aus der lokalen Bevölkerung freuen, war es klar, dass wir da helfen wollen. Ein bisschen naiv ging ich davon aus, dass ich ein gutes Deutschlehrmittel suche und dann einfach das gleiche auf Tedaga machen werde. Aber ich habe mich getäuscht. Tedaga und Deutsch sind komplett verschiedene Sprachen, mit ganz anderen Problematiken… Also bei Null anfangen. 

Mit viel Rückmeldung von unserem Teamleiter und einem tschadischen Tubu, schafften wir es, ein Buch für ein Schuljahr fertigzustellen. Besonders freuen mich die Gedichte, welche zwei Tubus passend zu den neun Kapiteln geschrieben haben. Wir sandten unseren Vorschlag nach Libyen, wo der Tubu-Linguist mit Begeisterung alles übersetzte, was ich nicht bereits mit einem Tubu aus Deutschland übersetzt hatte. 

Letzten Frühling auf der Oase machten wir dann zwei Testläufe, wo die ersten zwei Kapitel des Buches von jungen Frauen an Kinder unterrichtet wurden. Die Betreuung war intensiv, aber das hat nicht alleine am Lehrmittel gelegen ;-).

Vorbesprechung mit den Lehrerinnen
Unterricht

Beim zweiten Testlauf klappte es tatsächlich, dass der Tubu-Linguist von der Küste Libyens zum ersten Mal auf unsere Oase reisen konnte. Das war ebenfalls das ersten Mal, dass wir ihn persönlich getroffen haben, nachdem wir seit Jahren über Social Media in Kontakt sind.

Zum Kursabschluss ein Spielwettkampf zwischen den Klassen …
… mit lebhafter Beteiligung
Diplomübergabe
Gedicht-Lesung

Diese paar Tage waren toll. Wir konnten das ganze Buch überarbeiten und uns auf einige grammatikalische Regeln einigen. Und dann reiste der Tubu-Linguist wieder ab, mit der Buchdatei auf seinem USB-Stick, bereit für den Druck. 

Er übergab die Datei der Regierung Libyens, welche einen Teil der Bücher in Italien und den anderen Teil in der Türkei drucken liess (warum in zwei verschiedenen Ländern, das weiss wohl niemand). Und letzte Woche, wurden auch der zweite Teil der gedruckten Bücher in den Süden Libyens geliefert! Der Unterricht kann also losgehen! Und damit das Buch möglichst gut verstanden werden kann, habe ich kurzerhand noch einen Lehrerkommentar geschrieben und diesen auch als Video verfasst (ja, auch die Lehrpersonen sind nicht ganz sattelfest im Lesen auf Tedaga…).

Lehrbuch im Süden Libyens angekommen

Ich habe mein Bestes gegeben, doch sehe ich im Nachhinein bereits erste Schwachstellen des Buches. Da es allerdings das einzige 4. Klasse Lehrbuch für Tedaga überhaupt ist, wird es wohl doch das Beste sein ;-).

Auf jeden Fall ist jetzt alles bereit, um auch in der 4. Klasse Tedaga zu unterrichten. Der Sprache des Herzens und der Träume von Tausenden von Kindern im Süden Libyens. 

Und trotzdem ist es noch nicht geschafft. Dieses Jahr wurden zwar die Bücher – wenn auch spät – gedruckt. Besser als im vorletzten Jahr, wo der Bildungsminister das ganze Geld für den Druck der Bücher für sich genommen hat. Ausserdem herrscht im Süden dieses Bürgerkriegslandes im Moment einigermassen Frieden. Auch ein interner Streit der Tubus wurde nach vielen Monaten auf Eis gelegt, und die Verantwortlichen fürs Unterrichten beginnen wieder zusammenzuarbeiten. 

Aber es gibt auch dieses Jahr ein Problem: Das Geld für Löhne für die Tedaga-Lehrpersonen. Eigentlich sollte die Regierung sie bezahlen, doch das funktioniert (noch?) nicht. Eine Gruppe von Tubus ist nun dran, von ihren Leuten Geld zu sammeln, um den Lehrpersonen einen Lohn bezahlen zu können.

Die unglaubliche Menge an Hürden, ein funktionierendes Schulsystem zu haben, macht mich echt sprachlos. 

Ich behaupte nicht, dass hier im Schweizer Schulsystem alles gut läuft. Bei Weitem nicht. Aber im Anbetracht der Situation von Südlibyen oder gar des Tschades, läuft hier tatsächlich vieles sehr gut.

Das macht mich dankbar.

20. Dezember

Chancenungleichheit – Verantwortungsungleichheit

Ich glaube es ist gut, sich für Chancengleichheit einzusetzen. Doch solange (wohl noch sehr lange) es Chancenungleichheit gibt, gilt auch «Verantwortungsungleichheit». Mir wird bewusst, dass meine unverdient privilegierte Ausgangslage als Schweizer eine grosse Verantwortung mit sich bringt. Was mache ich aus all meinen Möglichkeiten und Ressourcen, meiner Rede-, Reise-, Versammlungs-, Religions- und noch so viel anderer Freiheit, meiner Bildung und Erfahrung, meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten? Allein schon meine körperlichen «Gegebenheiten» ermöglichen mir unverdient Bewegungen und Tätigkeiten aller Art. Ich will dankbar dieses mir Gegebene annehmen und verantwortungsvoll einsetzen. 

Der Kinderteller

19. Dezember

Auf den Strassen N’Djaménas

Dies ist noch einmal ein Film von unseren Freunden, die zur Zeit in N’Djaména leben. Er zeigt schön, wie das auf der Strasse so her und zu geht. Da wir selber kein Auto haben im Tschad, sind wir eigentlich immer in den gelben Taxis unterwegs.

Kleines Rätsel:

  1. Wo kann man die aus unserer Sicht obligatorischen Moskitonetze kaufen?
  2. Wo gibt es Ersatzreifen für Motorräder?
  3. Wo kann man sich einen Gebetsteppich kaufen?
  4. Wo gibt es die einzige Art von Holz (abgesehen von Sperrholzplatten) zu kaufen?
  5. Wo gibt es Benzin, falls es mal nicht mehr zur nächsten Tankstelle reicht?

Auflösung:

  1. 00:28 Links im Bild, in der runden, blauen Hülle befindet sich ein Moskitonetz.
  2. 00:49 Rechts auf dem Trottoir. Weshalb gerade hier?? Das weiss wahrscheinlich niemand…
  3. 1:21 links im Bild. Die Teppiche hängen an einer Wäscheleine.
  4. 1:37 Rechts im Bild. Klassische Dachlatten. Etwas anderes gibt es praktisch nicht.
  5. 2:08 Links am Strassenrand hat es Flaschen mit einer gelben Flüssigkeit. Wenn also das Taxi plötzlich nicht mehr weiterfährt, werden die Gäste gebeten, ihre Fahrt zu bezahlen. Mit diesem Geld kann der Taxifahrer dann eine oder zwei Flaschen Benzin kaufen, reinschütten, das Taxi ein bisschen schütteln und dann in aller Ruhe weiterfahren.

18. Dezember

Faszination Konjugation

Wie lautet die 3. Person Plural (Subjekt) > 2. Person (Objekt) im Imperfekt, verneint, Frage vom Verb “ndubabi“?

Endlich gibt es einen Ort, wo diese – euch wohl seit Jahren unter den Nägeln brennende Frage – beantwortet wird: Im Konjugations-Nachschlagewerk “Dirgaza tudagaa-ã”* (Übersetzt: Äste/Verästelungen der Tubu-Sprache). In der Tat Bedarf es eines ziemlich ausführlichen “Aufdröselns”, um alle komplexen Verästelungen festzuhalten, in die sich ein Tubu-Verb verrenken kann. Insgesamt 48 Konjugations-Formen hat das Tubu-Sprachteam über die Jahre gefunden.

Die Morphologie ist äusserst komplex, es gibt einen enormen Reichtum an Konjugationsformen: verschiedene Zeiten, Bedingungssätze, Konjunktiv, Verlaufsformen und andere Kategorien, von denen die deutsche Sprache nur träumen kann. Dazu ist auch die Verneinung und die Frage im Verb “kodiert”. Und nicht nur das Subjekt, sondern auch das Objekt des Satzes sind im Verb “verbaut”:

  • ich-erblicke-ihn: laniri
  • ich-erblicke-dich = lanuniri
  • erblicke-ich-dich? = lanunirin ?
  • erblicke-ich-dich-nicht? = lanunurdũú ?

Diese und viele andere Spielformen sind im neusten Buch, dem Konjugations-Tabellenbuch (zum Wort “ndubabi” von der Quizfrage siehe ab Seite 75) nun für alle zugänglich, die die Eingangsfrage beantworten wollen. Lösungsvorschläge gerne als Kommentar.

Der este Leser: “WOW! Unsere Sprache ist echt genial!”

Alle die sich nicht gleich in die Recherchen stürzen und weiter lesen, denken womöglich: “Trockene Materie – wozu der ganze Aufwand?” Aber es ist nicht nur für Linguisten faszinierend. Denn so ein Nachschlagewerk ist – wie bereits das Wörterbuch – ein starker Ausdruck dafür, dass Tedaga eine vollwertige Sprache ist. Das merkt unser Team in Bardai immer wieder. Wenn sie Tubus den Entwurf zeigen, sind diese einfach nur begeistert und stolz auf den Reichtum ihrer Sprache.  

Nun muss “nur noch” die arabische Einleitung korrigiert und das Titelblatt* finalisiert werden und dann …. endlich geht das Buch in den Druck. Sinnigerweise in der Hauptstadt des Landes , wo vor gut 10 Jahren (unter Gaddafi) allein schon das Reden der Tubu-Sprache in der Öffentlichkeit verboten war: Libyen.

Neuer, hoffentlich besser verständlicher Buchumschlag

*Die Findung des Titels wäre eine Geschichte für sich. Die provisorische Version trägt noch einen anderen Titel, den aber niemand so richtig verstehen konnte. Naja, bisher haben sich Tubus selten über Konjugation unterhalten und hatten auch kein Wort dafür…

17. Dezember

Gouro, eine tschadische Oase

Letztes Frühjahr durften wir eine Oase besuchen, die wir noch nicht kannten. Wir waren fasziniert von ihrer Schönheit.

Eine lokale NGO hat uns gebeten, ihnen zu helfen, auf ihrer Oase Unterricht in der Muttersprache Dazaga-Tubu einzuführen.

Das Dorf
So gewinnt man den “Gouroer Bergpreis” … und einen Blick über die Oase
Quasi zwischen jeder Düne liegt ein Quartier – aerodynamischer Städtebau
In der Schule bei den jüngeren Kindern
Bei der Zeugnisübergabe wird der Beste der Klasse besonders gefeiert
In einer anderen Klasse ist es die Beste
Und bei den älteren Kindern
Sitzung mit Dorfältesten: Ein Vertreter der NGO präsentiert das Projekt “Dazaga als Unterrichtssprache”
Eine alte Ruine, gebaut von den Türken
Ein Stein von einer Ölpresse. Vor vielen Jahren hat es mal eine Olivenbaumplantage gegeben. Die Bäume gibt es nicht mehr, es ist nur noch dieser Stein übrig.