Nebst den zwei grossen Feiertagen, Hochzeiten und Namensgebungsfesten gibt es auch die Todesfälle. Ebenfalls ein Anlass, der stark von Traditionen und kulturellen Regeln geprägt ist. Das ist übrigens ein grosser Unterschied im Vergleich zur Schweiz. In der Schweiz ist alles ”Öffentliche“ genäustens geregelt. Auf welcher Strasse darf wie schnell gefahren werden, wo darf man überhaupt und in welche Richtung parken, wie wird der Abfall entsorgt, wie viel kostet ein „Halbs Winti rötur“, usw. Hier gibt es für solche diese Dinge keine Regeln, jeder macht was er will. Aber dafür ist es ganz klar geregelt, wie man sich in welcher Lebenssituation zu verhalten hat. ALLE kennen ALLE Regeln schon von klein auf, Ausnahmen gibt es keine (ausser in ebenfalls geregelten Situationen) und da ja eh alles klar ist, wird auch nicht darüber gesprochen. Für uns als Fremde ist das hingegen nicht so einfach, das dann „richtig“ zu machen. So hatten wir vor einigen Wochen wieder einiges zu lernen.
Wie jeden Morgen sassen wir gemuetlich an der Sonne und genossen das frisch gebackene Brot, als unsere schon ziemlich alte Nachbarin zusammen mit der Enkelin aus dem Nichts heraus anfingen so richtig laut zu schreien. Wir sind ziemlich erschrocken und versuchten so unauffällig wie möglich durch unser Schilfwändli zu gucken um rauszufinden, was da denn los ist. Was könnte das sein, dass die beiden Frauen dazu bringt, sich die Seele aus dem Leibe zu schreien? Sie waren weder verletzt noch war sonst irgend was in ihrer Umgbung, was so einen Schreianfall provozieren hätte können. Plötzlich kam der Gedanke, dass das Totenklage sein könnte. Und tatsaechlich haben die beiden vom Tod ihres Verwandten erfahren. Das ganze Szenario dauerte vielleicht 10-15 min., dann wurde es ruhiger. In dieser Zeit kamen aber bereits viele Frauen angerannt, um nachzufragen, was los sei. So kommt die Information schnell in den Umlauf. Ausserdem scheint das irgendwie der einzige akzeptierbare Zeitpunkt zu sein, wo man Emotionen so ganz offen zeigen darf (als Frau?). Sonst werden negative Gefühle eigentlich nicht gezeigt sondern halt tapfer geschluckt. Auch wenn Leute einen Verstorbenen beweinen, wird ihnen immer gesagt sie sollen aufhören, Gott hätte es so gewollt und deshalb dürfe man nicht weinen.
Auf jeden Fall mussten wir also lernen, wie man sich hier in einem Todesfall verhält, was da alles dazu gehört. Vor dem Haus des Verstorbenen bauen die Männer eine Art Zelt oder Understand auf. Dort kommen nun alle Angehörigen Männer hin. (Das kann eine Weile dauern, da die Tedas ja in einem riesigen Gebiet verteilt auf den Tschad, Lybien und den Niger wohnen. Es geht da um mehrere Tagesreisen durch gebrigige Saharaweiten.) Sie werden für drei Tage dort sitzen und alle die kondolieren wollen, kommen vorbei, schütteln allen die Hand und setzen sich fuer eine halbe bis mehrere Stunden mehr oder weniger schweigend dazu. Dasselbe für die Frauen, aber im Haus drin. Einige Frauen werden kochen und die Gäste bewirten. Es ist selbstverständlich, dass alle die davon hören, einmal oder auch mehrere Male vorbei gehen.
Am dritten Tag wird ein Opfer gemacht. Diesmal war es ein Kamel. Eine RIESEN Arbeit, da kommen die meisten Frauen aus dem Dorf zu Hilfe, wie bei einer Hochzeit. Nach dem Opfer-Essen ziehen die meisten Leute wieder ab. Es bleiben nur noch die engsten Verwandten für weitere sieben Tage. Da die Bewirtung aller dieser Gäste sehr kostspielig ist, schenkt man Geld. Die mitgebrachte Summe eines jeden wird feinsaeuberlich in einem Heft aufgeschrieben. Bei uns hiesse das Versicherung. Beim nächsten Todesfall schaust du einfach in deinem Heft nach, wieviel dass dir die betroffene Familie das letzte Mal gegeben hat und versuchts die selbe Summe zurückzugeben.
Die Frau des Verstorbenen darf nun 4 Monate und 10 Tage nicht ans Sonnenlicht. Sie sitzt einfach im Haus drin, komplet verschleiert. Frauen besuchen sie während dieser Zeit, allerdings wird sie nicht sprechen, falls es nicht unbedingt nötig ist. Anschliessend an diese Zeit kann sie wieder raus und hat das Recht erneut zu heiraten. Das betrifft natürlich alle Frauen des Verstorbenen. (Für Männer gilt das nicht. Jemand erkärte, dass falls die Frau schwanger wäre, würde man das nach 4 Monaten spätestens sehen. So wisse man, wer der Vater des Kindes sei, das heisst, wem das Kind gehört.) Aber: Eigentlich geöert die Witwe jetzt dem Bruder des Verstorbenen. Wenn der will, kann er sie heiraten. Er muss aber nicht. Wenn sie nicht will, kann sie das sagen. Allerdings hat der Bruder in letzterem Fall das Recht auf allen Besitz der Frau, auch auf ihre Kinder. Hier gehören die Kinder grundsätzlich dem Vater. Diese Regel hört sich für westliche Ohren sehr seltsam und hart an. Ist aber ziemlich sicher ein Schutz für die Witwe gedacht. Als Witwe ist es nämlich nicht einfach, sich und seine Kinder selber zu versorgen. Auch eine erneute Heirat kann je nach Alter schwierig sein.
Nachdem ich zusammen mit einer Kollegin hier diese Frau besucht habe, erklärte sie mir, dass sie jetzt eben diese vier monatige Trauerzeit im Haus drin verbringen werde. Für mich ein schrecklicher Gedanke. Doch dann fragte meine Kollegin, ob das denn in meinem Land auch so wäre. Ich verneinte und sagte, dass bei uns jeder selber entscheiden könne, wann er oder sie wieder unter die Leute wolle. Ihr Kommentar dazu: „Wie kannst du nur zum Haus raus wollen, wenn doch dein Mann vor weniger als vier Monaten gestorben ist!“
