Immer wieder erliegen wir der Versuchung Erklärungen, Muster und Regelmässigkeiten für das zu suchen, was wir hier erleben. Doch die Erfahrungen mit dem Mobilfunknetz belehren uns immer wieder eines Besseren: „Chad happens“.
Die zwei real existierenden und hier im Dorf stehenden Antennen liessen uns zum Anfang unseres Aufenthalts denken, dass wir hier gut vernetzt seien. Eine davon gehört der Gesellschaft, die hier Schwankfunk genannt sei. Um deren Dienste zu geniessen, haben wir noch in der Hauptstadt im entsprechenden Büro einen relativ teuren Apparat fisherprice-artiger Qualität erworben. Die Schwankfunk-SIM-Karte kann nämlich nicht mit herkömmlichen Handys verwendet werden.
Die zweite Antenne gehört einer Gesellschaft, die wir mal Banana nennen (Wer kommt eigentlich auf die dumme Idee, ein Mobilfunknetz nach einer Frucht zu benennen?).
Die oben erwähnte, anfängliche euphorische Illusion wurde weiter davon genährt, dass in den ersten zwei Monaten fast durchwegs beide Netze zeitgleich und ununterbrochen funktionierten.
Seither haben wir aber alles Mögliche und unglaublich viel vermeintlich Unmögliches an Mobilfunknetzabdeckungssituationen erlebt:
- Schwankfunktioniert nicht; Banana funktioniert einwandfrei
- Schwankfunktioniert nicht; Banana auch nicht
- Schwankfunktioniert; Banana nicht, weil der zuständige Antennengeneratorunterhalter streikt um seinen in der Hauptstadt versandeten Lohn einzufordern.
- Banana funktioniert nicht; Schwankfunktioniert, doch Handyguthaben dafür ist in der ganzen Oase ausverkauft (warten auf das nächste Flugzeug, das auch eine Panne hatte, oder auf eine Lieferung auf dem Landweg)
- Banana funktioniert nicht; Schwankfunktioniert während zwei Stunden pro Tag (ohne erkennbare Regelmässigkeit)
- Banana funktioniert nicht; Schwankfunk ermöglicht nur Anrufe auf Schwankfunk
- Banana funktioniert nicht; Schwankfunk ermöglicht nur Anrufe auf Schwankfunk und ins Ausland
- Banana funktioniert nicht; Schwankfunk ermöglicht nur Anrufe auf Schwankfunk und ins Ausland und ermöglicht Internetverbindung*
- Banana funktioniert und kostet; Schwankfunk funktioniert auf alle Netze und ist gratis. Dafür ermöglicht es keine Verbindung zum Internet*
- Dasselbe, aber Banana funktioniert nicht
- Banana und Schwankfunktionieren nicht, aber wir erhalten zu unserer grossen Überraschung einen Anruf aus der Schweiz auf Schwankfunk
- Banana funktioniert nicht; unser redlich und offiziellst erworbener Schwankfunkapparat funktioniert nicht, die Apparate eines anderen Herstellers ermöglichen jedoch kostenlose Anrufe auf Schwankfunk (natürlich nur auf Apparate des anderen Herstellers) und ins Ausland. Internet* geht nicht.
Wahrscheinlich können wir zahllose weitere Varianten noch nicht beschreiben, weil wir noch nicht genug lange hier sind.
Im Moment (und dieser Moment dauert nun bereits sieben Wochen), funktioniert Banana nicht. Die Techniker, die nach einem guten Monat Bananenfunkstille 700km von hier losgefahren sein sollen, haben wegen einer Autopanne 120km vor Bardai wieder umgekehrt. In der Zwischenzeit sind an der Oberstufe einige Englischlektionen ausgefallen, weil der zuständige Lehrer versucht hat, das Problem zu beheben. Auf unsere Nachfrage hin erklärte er uns, dass die Zahlen des Satelliten „un peu en désordre“ seien. Der Versuch, sie wieder in eine Reihenfolge zu bringen, sei aber noch nicht gelungen. Er machte uns aber Mut mit den Worten: „toutefois, gardons l’espoir“. Und das machen wir natürlich.
*Dieser Begriff lässt womöglich falsche Vorstellungen aufkommen. Es handelt sich hier um eine Schmalbandverbindung, auf der nur E-Mails zirkulieren können, die weniger als 100 Kilo breit sind. Auch surfen kann man nur so gut wie auf dem Bommerweihe
