Dass wir sechs Frauen gefunden haben, die zu uns in die Hauptstadt in die Ausbildung kommen durften, ist alles andere als selbstverständlich. Jede dieser erwachsenen Frauen braucht die Erlaubnis ihres Mannes, oder falls noch nicht verheiratet, die ihres Vaters, um in die Stadt zu reisen und später als Lehrerin zu arbeiten. Diese Erlaubnis bekommen längst nicht alle. Auch Zara bekam sie nicht, obwohl wir sie sehr gerne dabeigehabt hätten. Verschiedene Überzeugungsversuche sind gescheitert. Erst 10 Tage nach Kursbeginn, erreichte uns aus heiterem Himmel die Nachricht, dass Zara jetzt doch kommen dürfe. So machte sie sich auf die 3–5-tägige Reise um den Rest der Ausbildung mitzumachen und mit Bravour abzuschliessen.
Das freute uns wahnsinnig! Für uns in der Schweiz ist das vielleicht nichts Besonderes, aber für die Situation hier, ist dieser Sinneswandel von grosser Bedeutung: In einer Region, wo strenger Islam auf dem Vormarsch ist und Arabisch die Lokalsprachen verdrängen will, hat ein weiteres Familienoberhaupt einen mutigen Entschluss gefasst: Seine Tochter soll die Chance auf eine Ausbildung haben und somit auch auf einen Job, auf ein bisschen Unabhängigkeit. Mehr noch: Seine Tochter soll dazu beitragen, dass Bildung dank muttersprachlichem Unterricht bei den Kindern der Oase «ankommt», ihren Horizont und ihr Denken erweitert. Wir sind hoffnungsvoll, dass dies die nächste Generation positiv verändern wird.
Die sechs Dazaga-Lehrerinnen bei der Diplomübergabe. Nach 6 Wochen Ausbildung unterrichten sie jetzt. In ihrem Dorf, in ihrer Sprache, ihre Nichten, Neffen und Nachbarskinder.
…ist der Einfluss von Elon Musk. Mittlerweile haben so viele Menschen in der Wüste Starlink, dass ich sogar mitten in der Sahara an einem obligatorischen Onlineseminar zum Thema Statistik teilnehmen konnte. Gefühlsmässig bringt man in so einem Moment die beiden Welten unmöglich zusammen. Aber immerhin technisch geht’s.
Hier an der Landepiste von Bardai hat es nichtmal Handyempfang. Aber wer Starlink (hier das Modell mit Kühlerhaube-Magnet-Montage) hat, kann auch hier Video-Konferenzen abhalten.
Es ist jedes Jahr eine Überraschung, was am Tubu-Kulturtag passiert. Oder ob. Letztes Jahr fand nichts statt. Ausser eine Medienkonferenz, bei der informiert wurde, das sei nicht der Moment zum Tanzen, da vor kurzem Überschwemmungen grossen Schaden an gerichtet hätten im Tibesti. Zum Hochwasser in der Sahara in einem späteren Beitrag. Dieses Jahr wurde der Veranstaltungsort erst ein paar Stunden bevor es losging beschlossen und bekanntgegeben. Aber ein Erfolg war es doch, wie ihr im Video seht. Als Centre culturel Palmeraie durften wir (sofern wir genug spontan und flexibel waren) wieder die Gedichtlesung in Tudaga und Dazaga organisieren und den Büchertisch aufstellen.
Überraschend frei: Während bei den Tubus im normalen Leben Männer und Frauen quasi in Paralleluniversen unterwegs sind, begegnen sie sich beim traditionellen Tanz erstaunlich ungezwungen.
Zwei gute Freunde, beides Tubus aus Bardai, sollten gemeinsam einen Workshop leiten. Es ging um traditionelle Spiele. Wir haben den Workshop total aus der Hand gegeben und völlig ihnen überlassen. Trotzdem fühlte ich mich natürlich für das Gelingen verantwortlich.
Während des Workshops gerieten die beiden vor allen Teilnehmern in einen heftigen Streit über eine Spielregel. Der Streit wurde immer lauter und die mittlerweile persönlichen Anschuldigungen immer heftiger. Innerlich fing ich an zu beten, dass Gott doch eine schnelle Lösung schenken würde. Alle sassen stumm und nervös abwartend um die beiden Streithähne herum. Irgendwann reichte es dem einen, er stand auf und verwarf die Hände. Er gehe jetzt, schrie er.
In genau diesem Augenblick klingelte das Telefon des andern. Er entfernte sich schnell von der Gruppe und fing an zu telefonieren. Diese plötzliche Veränderung der Situation ermöglichte es den beiden, wieder runterzufahren und klare Gedanken zu fassen.
So konnten wir schlussendlich den Workshop doch noch zu Ende führen mit dem Fazit: Diese Regeln müssen jetzt aufgeschrieben werden, damit wir das nächste Mal nachschauen können.Bei der Verabschiedung sagte der eine zu mir: “Heute Nachmittag haben wir aber gut gearbeitet, nicht wahr?“
Ein Tubu aus Libyen, den ich vor Jahren in Bardai kennengelernt hatte, hat kürzlich geheiratet. Seine Frau lebt in Frankreich und so hat er mich zur Hochzeit in Nordwestfrankreich eingeladen. Leider habe ich es nicht geschafft, hinzugehen. Dafür wollte ich immerhin ein Geschenk schicken: Die Sprichwortsammlung mit Weisheiten für ihn, ein Rezeptbuch für sie und das Büchlein mit gesammelten Tubu-Namen für ihre gemeinsamen Kindern. Garniert mit einem Hochzeitsfoto das ich auf Social Media gefunden und ausgedruckt hatte. Doch auf der Post kam die erste überraschende Wendung: Ich müsse nochmals umkehren um zuhause ein Zollformular online auszufüllen und mehrfach ausgedruckt mitbringen. Damit sich das Prozedere nicht über Tage hinzog, tat ich das sogleich. Mit etwas weniger Herzblut als in der Widmung der Bücher, deklarierte ich, dass ich mit diesem Versand nicht Umsatz machte und kehrte wieder auf dem Absatz. Bei der Post wurde ich die Sendung, allen Papierkram und einige Franken los. Ich gab das Paket auf, aber nicht die Hoffnung, es würde gut ankommen.
Übersetzung: Das schönste Geschenk von meinem Freund Simon (Wuše)
Ein paar Tage später dann eine weitere überraschende Wendung dieser Post: In seinem Status fand ich diesen Post.
Zum ersten Mal hatte ich Haustiere – besser gesagt Körpertiere. Eine ungute Überraschung nach dem Volleyballspiel im feuchten Sand.
Angefangen hat es so:
Später sah es so aus:
Hakenwürmer lieben die Regenzeit und barfüssige Menschen. Noch lieber wäre ihnen, wenn es kein Antibiotika gäbe. Denn dann würden sie der Blutbahn folgend sich in die Lunge schlängeln, sich hochhusten und wieder runterschlucken lassen um am Ort des Verwesens ihr Unwesen zu treiben. Ich bin froh, sind diese Wesen nun gewesen.
Ich war gelinde gesagt überrascht, dass die Frauen in der Lehrerausbildung nicht annähernd eine Ahnung davon hatten, wie lange ein Meter ist. Eine Fingerlänge? Fast. Wie schwer ist ein Stuhl? 100kg?
Um die Sache mit den Mengen, Längen und Gewichten ein bisschen relevanter und fassbarer zu machen, habe ich ein wöchentliches “Schätz-Spiel” eingeführt. Wie schwer ist mein Telefon, wie breit ist das Fenster, wie viele Datteln sind in diesem Plastiksack?
Abwechselnd sollte eine Person solche Schätzfragen vorbereiten, alle anderen mussten ihre Schätzung abgeben. Die Schätzkönigin gewann einen kleinen Preis. Aus meiner Sicht ein simples Spiel. Für die Teilnehmerinnen war es eine grosse Herausforderung, die dann (wegen des kleinen Preises wahrscheinlich) sehr ernst genommen wurde. Und mich lehrte es erneut vieles darüber, wie überraschend anders sie denken.
Hier ein Beispiel davon, wie schwierig es manchmal war, die Gewinnerin zu bestimmen:
Die Korrektur des Spiels seht ihr auf der Wandtafel.
Frage 1 (Wie viele Steine sind das?). Richtige Lösung: 28. «D», also ich (a.k.a. Dočuiĩ) schrieb 26. Klarer Fall, der Punkt gehört mir.
Frage 2: Wie viele Datteln sind im grossen Sack? Es sind 106. Ich gebe den Punkt an «S» mit der Antwort 109. Da meldet sich «Zm» und sagt, dass sie mit 100 ja NUR 6 daneben sei, sie hätte auch einen Punkt verdient. Ich halte fest, dass nur eine einen Punkt bekommt. «Zm» wird wütend, dass ich so kleinlich bin, denn 6 daneben sei ja schliesslich wirklich fast nichts. Die anderen versuchen die Situation zu deeskalieren, indem sie mir zuflüstern, dass ich «Zm» doch einfach einen Punkt geben soll. Ich mache es nicht, weil es gegen mein Verständnis geht.
Frage 3: Wie viele Datteln sind im kleinen Sack? 34. «Zm» holt klar diesen Punkt.
Frage 4: Wie viele Ernüsse sind im Säckchen? Die richtige Lösung ist 58. Mit 64 gebe ich «D» (also mir) den Punkt. «Zm» meldet sich erneut und meint, das gehe nicht. Die Differenz sei ja 6. Und bei einer Differenz von 6 kriege man schliesslich keinen Punkt. Wenn «D» also hier einen Punkt bekäme, müsse ich ihr bei Frage 2 auch einen geben. Die Stimmung im kleinen, ohnehin aufheizbedarfsfreien Schulzimmer, wird laut und aggressiv. Alle diskutieren durcheinander. Schliesslich schaffe ich es mit Müh und Not mich durchzusetzen und erneut zu sagen, dass nur eine einen Punkt bekommt und zwar diejenige, die dem richtigen Resultat am nächsten ist. Da es Freitagnachmittag war, wollte ich einfach irgendwann noch fertig werden…
Frage 5: Wie viele kg wiegt der Thermoskanne? Alles klar.
Frage 6: Wie viele cm lang ist der Schwamm? Alles klar.
Frage 7: Wie viele Kilogramm ist dieser Kürbis schwer? Die richtige Lösung ist 1,8kg. Alle sind sich einig, der Punkt geht an «S» mit 2,1. Da melde ich mich und sage, dass «D» (ich) aber 1,5 geschätzt habe. Das sei ja ebenfalls 0,3 entfernt vom richtigen Resultat. Erneut geht ein Sturm los, da ich ja zuvor gesagt hatte, dass nur eine einen Punkt bekommen könne. Als ich nach den Gründen fragte, weshalb «S» einen Punkt bekommt und (dummerweise ich!) «D» nicht, war die Argumentation, dass «D» ja schon drei Punkte hätte und «S» noch keinen. Ich in meiner Kleinlichkeit kann das aber nicht akzeptieren, da für mich schlichtweg ungerecht scheint…
Um es kurz zu machen verschenke ich «meinen Preis» (den ja ohnehin ich gekauft hatte) an die Zweitplatzierte und mit erhitzten Gemütern gehen wir nach Hause.