Stellt euch mal vor…

…in euer Dorf kommen vier Leute aus dem Tschad. Sie organisieren jedes Jahr einen Schreibkurs für Schweizerdeutsch, obwohl sie selbst nur gebrochen Schweizerdeutsch sprechen. Sie haben eine andere Religion und bringen ihre ganze Familie mit. Das Ende des Schreibkurses ist ein Wettbewerb, wo jeder Teilnehmer einen Aufsatz in Schweizerdeutsch schreiben muss. 

Wer von euch würde sechs Wochen lang jedes Wochenende an diesem Kurs teilnehmen?

Wenn man sich das so überlegt, ist es umso erstaunlicher, dass wir dieses Jahr eine Rekordzahl an Teilnehmer von drei verschiedenen Sprachgruppen hatten. Auch unser Organisationsteam ist wieder gewachsen was sehr schön ist. Vor allem da wir mit diesen Leuten eng zusammenarbeiten und so gemeinsam Probleme lösen und Erfolge feiern dürfen. Das bringt einen näher zusammen. Auch wenn die knapp 20 Leute keine gemeinsame Sprache haben…

Ausserdem ist dieses Jahr das erste Jahr, wo auch verschiedene produktive Sachen im Rahmen des Concours entstanden sind. Das eine sind einige Podcasts in den verschiedenen Sprachen und das andere ist ein Buch, welches die Teilnehmer aus den vorherigen Jahren gemeinsam geschrieben haben. Ein Buch mehr für den Büchertisch, das ist sehr wertvoll! Denn wer will schon eine Sprache lesen lernen, in der es nichts zu lesen gibt?

Das neu entstandene Buch wird präsentiert. Titel: “Dinge, die nicht vergessen gehen dürfen”
Unser Büchertisch mit Büchern in Tedaga, Dazaga und einem ersten Buch in Kanembu.

Aber das wohl eindrücklichste, das in diesem Concours entstanden ist, ist die neu gestaltete Fassade des Kulturzentrums, wo wir uns jeweils einmieten. Alle Teilnehmer konnten etwas an die Wand malen oder schreiben, das ihnen wichtig ist. Aber nicht nur die Teilnehmer vom Concours, sondern auch Passanten, Strassenkinder und Zentrumsmitarbeiter bekamen einen Platz an der Wand. Manche brauchten einen kleinen Schubs, um sich zu trauen, aber schlussendlich war jeder richtig stolz auf sein Bild oder seinen Satz und die Gesichter strahlten über beide Ohren. Geprägt wird die Fassade von zwei tschadischen Vögeln. Einer ist ein ganz kleiner, blauer Schmetterlingsfink. Aber sechs Meter gross steht er neben dem Eingang und trällert stolz sein Lied. Mit dem gleichen frohen und freien Stolz sollen alle Tschader ihre Sprache sprechen! Und der andere Vogel – ein Zugvogel, wird von Buchseiten getragen. Weil man weiterkommt, sich neue Horizonte eröffnen, wenn man lesen kann. Wenn nicht physisch oder im Job, dann aber sicher in seinen Gedanken und hoffentlich auch in seinem Herzen.

Das Kulturzentrum vorher…
… und nachher!

Besonders gefreut haben wir uns darüber, dass jemand unser kleines Zentrum von der Oase (Mosko Hanadii-ĩ) hier auf die Wand gemalt hat! Das schien ihm also auch aus der Ferne noch etwas zu bedeuten!

Hier ein paar Fotos von den verschiedenen Kursen und dem was rundum gelaufen ist. Zum Beispiel die Minibusse, welche Teilnehmer gebracht haben, erste Versuche um das Konzept “Gruppenarbeit” einzuführen, Wiederbelebungsversuch von einem traditionellen Spiel und einem Gerüst das unerwartet mitten im Klassenzimmer stand:

Und zum Schluss einige Fotos von der Abschlussfeier. Für uns interessant ist der Umgang mit einem “Sieg”. Der wird nämlich nicht als etwas persönliches angesehen, sondern es ist der Sieg einer Gruppe.
So hat der Sieger bei den Kanembu mit seinem Preisgeld am nächsten Tag ein Schaf gekauft und ein Festmahl gekocht, das er mit seiner Nachbarschaft geteilt hat.
Der Dazaga Sieger des Wettbewerbs und der, der bei der Verlosung den “Dictionnaire Grand Larousse” gewonnen hat, gehören einer Gruppe Jungs an, die gemeinsam vom Dorf hier in der Stadt ist. Auf dem ganzen Nachhauseweg haben alle 20 Jungs laut geschrien : “On a gagné!” (Wir haben gewonnen!)

Vielen Dank an Cup of Color, für alle diese schönen Fotos! (www.cupofcolor.org)

3 Antworten auf „Stellt euch mal vor…“

  1. Sehr beeindruckend all die Fotos mit den fröhlichen Menschen, die so eifrig dabei sind. Wunderbar, was da alles zum Vorschein kommt.

    Der Erfolg hat sicher auch mit eurer Hingabe an diese Menschen zu tun.
    Liebe Grüsse
    Cornelia

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