19. Dezember

“Alle Not kommt vom Vergleichen.”

Søren Kierkegaard

Diesen Satz hat meine Mutter oft zitiert. Als Kind empfand ich es nur als ein billiges Abwimmeln meines empörten Ausrufs: “Das ist aber ungerecht!” Und wir machten wir uns dann auch einen Scherz daraus: “Wir sind nicht wie Müllers, die sich immer mit Meiers vergleichen.”

Je älter ich werde und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Wahrheit und guten Rat sehe ich in Kierkegaards Worten. Wenn ich meine Kinder beobachte, bzw. unüberhörbar wahrnehme, ist es noch immer so: Von etwas weniger zu haben oder etwas, was der Bruder oder die Schwester darf, nicht zu dürfen, ist subjektiv betrachtet eine schwer hinzunehmende Ungerechtigkeit (um es schön auszudrücken). Und es ist unglaublich, wie gut meine Kinder (bzw. wir Menschen?) darin sind, Dinge zu finden, die einem “das Recht geben”, traurig oder wütend zu sein. 

In der Theorie des Sozialen Vergleichs unterscheidet man den Horizontal-, den Aufwärts- und den Abwärtsvergleich. Es kann helfen, sich horizontal, also mit “Ähnlichen”, zu vergleichen, um sich ein realistisches Bild über seine Situation zu verschaffen.

Im Abwärtsvergleich versucht man sich zu trösten damit, dass es ja andere gibt, denen es noch schlimmer geht. Doch ist das “gesund”? Es kann einem helfen, mal aus dem Selbstmitleidskarussel auszusteigen. Aber wirklich eine Lösung ist es nicht – weder für mich noch für meine Wahrnehmung der anderen. Im Wikipedia-Artikel dazu steht: “Gewinn zu ziehen aus einem Vergleich mit Menschen, denen es schlecht geht, steht im Widerspruch mit dem impliziten Verständnis davon, was Fairness darstellt.”

Im Aufwärtsvergleich ist der Referenzpunkt eine Person, die in gewissen Belangen überlegen scheint oder der es “besser geht”. Was habe ich davon? Es kann mich anspornen nachzueifern um an den gleichen Punkt zu gelangen – sofern dazu eine Möglichkeit in Aussicht ist. Wie Studien zeigen, haben wir mit Instagram und Co. immer mehr Ansatzpunkte für Aufwärtsvergleiche. Und damit gehen zunehmend Minderwertigkeitsgefühle einher. Selbstwahrnehmung lässt sich nicht mit Photoshop bearbeiten.

Zurück zu meinem Sohn, der im Gegensatz zu seiner Schwester heute eben nicht Geburtstag hat. Oder meiner Tochter, die heute im Adventskalender KEINE Schokolade hatte – die beiden grösseren aber schon. Ohne Zeitmaschine oder gewaltsame Aneignung der Schokolade ist die Lage aussichtslos. Wer im Vergleich bleibt, kann nicht zufrieden werden. Was dann?

“Schau auf dich. Und schau auf das, wofür du dankbar sein kannst.”

Diesen Rat gebe ich meinen Kindern. Und mir selbst.

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