Wir sind zwar in der Schweiz seit ein paar Monaten, aber gewisse Tschadhaftikeiten begleiten uns auch hier. Und das obwohl wir soeben unser letztes Glas Erdnussbutter leergegessen haben. Aber lest selbst.
«Hallo Wuše, wie geht’s? Und der Familie? Den Schweizern? Allen gut? Ja bei uns auch. Familie auch, in Bardai nichts Neues. Gott sei Dank!» Bis hier einfach die klassische Telefon-Begrüssungszeremonie vom Zentrumsdirektor. Warum ruft er wohl an? Funktioniert die Internetverbindung nicht? Nein, er ruft ja via WhatsApp an. Kommt die Nachricht vom Todesfall eines Freundes? Oder bleibt es beim regelmässigen «Grüssen um den Kontakt zu bewahren»?
Nein, gleich reicht er mir einen alten Bekannten ans Telefon. Nochmals Begrüssungszeremonie, soviel Würde muss man jederzeit bewahren. «Ich möchte jemandem in Frankreich fünfhundert Dollar schicken, dort muss jemand Bücher kaufen für mich. Kannst du mir helfen?» Gut, dass ich das System schon kenne, wie man einander Geld schickt in einem Land, in dem es kaum Internet gibt und niemand ein Bankkonto hat: Beziehungen und ein Telefon sind das Einzige, was man braucht für dieses wireless und offline funktionierende System.
Konkret: Er gibt meinem deutschen Teamkollegen in Bardai das Geld bar in Dollar. Seinem Kontakt in Frankreich gibt er meine Nummer. Der ruft mich an und schickt mir (nach der Begrüssungszeremonie, ihr wisst schon…) seine Kontoangaben. Sogleich überweise ich hier aus der Schweiz den Gegenwert in Euro nach Frankreich. Und wenn ich das nächste Mal in N’Djamena meinen deutschen Kollegen treffe, übergibt er mir die Dollars dann.
Das Geld geht also auf der Oase von einem Beziehungsnetz ins andere: Von meinem Tubu-Freund an den deutschen Teamkollegen. Dank der tragfähigen «Familienbeziehung» (nach ihrem Verständnis sind wir Bleichgesichter quasi verwandt) ist somit das Geld in Europa bei mir verfügbar. Und hier kann ich es dann entweder bar oder per Bank wieder ins Tubu-Beziehungsnetz übergeben. Das Leben kann so einfach sein.

Das hört sich wirklich einfach an, wenn die „Familiebeziehung“ so tragfähig ist. Ich bewundere euer Vertrauen, ist es doch nicht gerade ein kleiner Betrag. Ich hoffe, dass euer Vertrauen belohnt wird! Aber ihr wisst sicher, wie weit ihr gehen könnt.
Sorry, wenn das ein bisschen negativ tönt. Ich würde es wahrscheinlich auch machen für einen guten Freund 😊🤗
Liebe Grüsse von unserer Balkanreise, die morgen zu Ende geht.
Cornelia und Hanspeter