16. Dezember

Bei der Arbeit an der Erweiterung des Wörterbuchs Tedaga-Englisch-Französisch-Arabisch stosse ich immer wieder auf interessante Eigenheiten dieser Sprache. Für den Sprachlernenden ein Graus, für den Linguisten ein Schmaus.

 

Hier ein paar Kostproben und dann eine örtliche Übersetzung:

Es gibt für diverse Handlungen je zwei völlig verschieden Verben, je nach dem ob ein oder mehrere Objekte involviert sind. (Da ist es gut, dass es wenigstens das Verb „dingslen“ gibt!) Auch gibt es zwei Verben für „hineingehen“, je nach dem ob es ein gedeckter oder offener „Raum“ (z.B.Innenhof) ist. Es gibt zwei Verben für „leeren“, je nach dem ob man von einem kleinen in ein grosses oder von einem grossen in ein kleines Gefäss leert.

Fast jedes Verb enthält in jeder Konjugations- und Zeitform vor oder nach dem Stamm die Information, wer der Handelnde (Subjekt) und wer „Opfer“ oder Empfänger (Objekt) der Handlung ist.* Zu den daraus resultierenden 20 Personalform-Kombinationen für die Konjugation gibt es mehr als ein Dutzend Zeit-Formen und Ähnliches (für alle erdenklichen und annähernd undenkbaren Zeit-, Aspekt- und Modus-Formen sowie dem, was wir mit Konjunktionen bei Nebensätzen machen). Verneinen kann man Verben grob gesagt indem man die letzte Silbe als Hochton ausspricht. Das geht dann aber auch mit anderen Worten wie „zusammen“.

Wochentage und Uhren gibt es wohl erst seit jüngerer Zeit, dafür gibt’s eigene Worte für vor bzw. in ein, zwei oder drei Tagen sowie für zwischenmittagsundnachmittagsgebet oder späterabernochheute etc.

Zur Auflockerung gibt es noch Verben wie „so tun als würde man etwas schmeissen“ (um einen Hund zu vertreiben z.B.) und „sich in der Sonne wärmen“ (wir erleben in diesen Monaten die Wichtigkeit dieses Verbs jeden Morgen). Ebenso erheiternd ist das Wort für „Ort wo zwei Männer hingehen um zu pinkeln“ oder „geheimer Ort, wo zwei Männer sich ein Duell liefern“.

Weiter spiegelt sich die Wüsten-Orientierungsfähigkeit der Tubus in der Sprache wieder: Sie reden in der Regel nicht von „rechts“ oder „links“, sondern verorten die Dinge grundsätzlich in zwei Richtungen: Von dort wo das Wasser kommt (wasserscheidewärts) und dort wohin das Wasser fliesst (salopp gesagt „Bach ab“, bzw. aufgrund der Regenknappheit „Wadi abwärts“). ** „Und“ heisst nur „und“, wenn man es nach jedem Aufgezählten sagt. Wenn man nur zwischen dem Aufgezählten „und“ sagt, heisst es „oder“.

 

Alles Klar? Also los:

Vorvorgestern wasserscheidewärts Steine und Holz und mehrere-sammeln-sie-ich und Auto auf sie-ich-werfen und. Gesternabend bachab mehrere-bringen-sie-ich.

Früher-heute ZwischennachmittagsundDämmerungsgebet dich-besuchen-ich hätte-wollen-es-ich, aber es-ich-vergessen. Später-heute und morgen Steine und Holz und mehrere-ausleeren-sie-wir-nicht? Arbeit diese zusammen und zusammen-nicht machen-sie-wir?

Was würdet ihr antworten?

 

* Damit nicht genug: der Handelnde (Subjekt) eines intransitiven Verbs wie „sterben“, für das es kein Objekt gibt, ist gleich markiert wie das „Opfer“(Objekt) eines transitiven Verbs (wo es Subjekt und Objekt gibt). Ergo ist der Wenfall in manchen Fällen quasi ein Werfall. Unter Linguisten nennt man den Fall einer solchen Sprache Ergativ-Sprache. Im Fall. Ein Fall der in Afrika ausserhalb der Saharanischen Sprachen wahrscheinlich nirgends vorkommt.

** “Absoluter Referenzrahmen“ nennt man dieses Raumbezugssystem in Fachkreisen. Die Literatur aus diesen Fachkreisen sagt übrigens auch, dass Menschen, die den Raum so wahrnehmen und beschreiben, erwiesenermassen besser heimfinden als ich es mit GPS würde.

3 Antworten auf „16. Dezember“

  1. Danke für den Beitrag!
    Nun habe ich endlich den Beweis, dass ich kaum anders denken kann als ich denken gelernt habe. Hut ab vor denen, die es trotzdem versuchen.
    Übrigens… steht im tschadischen Lehrplan auch, dass Geografie gelernt werden muss (möglichst inkl. Kartenkunde)? Ich hoffe nicht…!
    Aber den Lehrplan kümmert ja vermutlich kaum jemanden bei euch :-).

    1. Bisher habe ich noch nie Schüler beim OL beobachten können. Und seit uns ein Lehrer erklärt hat, dass ab Oberstufe kein Anschauungsmaterial verwendet werde sondern diktierte komplizierte Definitionen, nehme ich an, dass keine Karten aufgehängt sind in den Klassenzimmern. Bei uns im Zentrum sind aber die Welt- und Tschadkarten ungemein beliebt. Denke aber nicht dass das ihre Orientierungsfähigkeit beeinträchtigt.

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