Wir ergreifen den Füller um die längst fällige Lücke in unserem Tagesablauf-Artikel „Ein tanz normaler Gag“ zu füllen. Es geht also in diesem Artikel um unsere Haupttätigkeit, abgesehen vom Überleben.
Von dort wo wir aus dem Taxi aussteigen, sind es knapp 300m bis zur Schule. Wenn wir genügend früh dort sind, sehen wir gerade noch, wie die Kinder ihren „bewegten Unterricht“ in einer Art Zugschule absolvieren und dann in die Klassenzimmer geschickt werden. Wir begrüssen all die Lehrer, die selbst noch nicht im Zimmer sind, mit den üblichen Fragen und ziemlich klar vorgegebenen Antworten: „Wie geht’s? Wie geht’s deinem Haus? Wie geht’s mit der Gesundheit? Wie geht’s mit der Kälte (hier ist nämlich auch Winter)? Hast du gut geschlafen? Bist du gut aufgewacht? – Es geht gut. Es geht. Es geht ein bisschen. Danke.“
Natürlich begrüssen wir auch den Generaldirektor, den Generalsekretär und die Verwalterin (die einzige Ausländerin neben uns), falls sie anwesend ist. Ja, Formelles ist sehr wichtig, auch die minutengenauen Stundenpläne, an die wir unsere Lektionen anpassen mussten. Wenn wir dann aber zum ersten Schulzimmer schreiten und klopfen, gelingt es uns immer wieder, eine willkommene Überraschung zu sein. Dafür werden wir von anderen Lehrern wirklich mit schweizerischer Pünktlichkeit erwartet.
Wir haben zwei Aufgaben. Einerseits gehen wir einmal pro Woche in jeder Klasse vorbei, um ihnen eine Geschichte aus dem alten Testament zu erzählen. Wir arbeiten mit kürzlich erschienenen Kinderbüchern mit kulturell angepassten Illustrationen. Die Hauptunterrichtssprache und die Schulbücher sind in Französisch, was für fast alle dieser Kinder bereits die zweite Fremdsprache ist. Zu Hause sprechen sie eine der ca. 135 Landessprachen und auf der Strasse lernen sie als erste Fremdsprache das Tschadarabische.Die Bilder sind also sehr nützlich, da vor allem bei den Kleineren das Französischniveau sehr tief ist und wir ihnen nur wenig Tschadarabisch „einbrocken“ können.
Unsere zweite Aufgabe besteht darin, Bibliotheksstunden anzubieten. Wir übernehmen für ca. 30min. jeweils eine Halbklasse und bieten ihnen eine Auswahl von Kinderbüchern und -zeitschriften zur Lektüre an. Die Fähigkeit des Lesens und vor allem des Verstehens ist bei den meisten ziemlich gering. Wir versuchen sie jeweils am Anfang der Lektion mit Leseverständnisrätseln zu fördern. Diese und letzte Woche haben wir ausnahmsweise Puzzles gemacht. Das war ein Spass! Für die meisten Kinder war es das erste Mal.
Wir hoffen, dass unser etwas anderer Unterrichtsstil, die Lehrer zu mehr Methodenvielfalt inspiriert. Dabei muss ich, Anja, aber feststellen, dass ganz vieles, was ich in der Ausbildung und bisherigen Berufserfahrung als richtig und wichtig gelernt habe, hier schlicht nicht anwendbar ist. Bei Klassengrössen von (an unserer Schule „nur“!) 50 Kindern, Schulzimmergrössen von 28qm und sozusagen ohne Material, wird man in seinen Methoden definitiv eingeschränkt. Die Frage der Disziplin und Konzentration stellt sich uns immer wieder. Wir versuchen auch da, den traditionellen tschadischen Methoden Alternativen entgegenzustellen.
Zum Material und der Infrastruktur
Als wir eine Woche vor Schulbeginn erstmals das Schulgelände sahen, konnten wir uns nicht vorstellen, dass hier in einer Woche Schule stattfinden sollte. Aber erstaunlicherweise war dann alles startklar: sieben Schulzimmer, wobei einige nur aus Wellblechwänden bestehen. Ein weiterer Faktor, der konzentriertes Arbeiten erschwert und es uns verunmöglicht, in Zimmerlautstärke die Geschichte zu erzählen, wenn im Nachbarszimmer im Chor Englisch geübt wird.

Aus der Schweiz kommend, ist es unglaublich zu sehen, wie hier niemand eine Kopiermaschine braucht. Auch Laminiergeräte, Hellraumprojektoren, Beamer, Gruppenräume, Turngeräte, Lehrerpulte, Lavabos, Papier, Farbstifte, usw. sind nicht vorhanden. Jedes Schulzimmer hat eine „Wandtafel“ (schwarz angemaltes Brett) und jeder Lehrer holt sich am Morgen seine Ration Kreide und einen langen Massstab. Die Schüler bringen selbst Hefte und Kugelschreiber mit.
Wie ihr seht, sind die Umstände von Infrastruktur, Klassengrösse, Material und Sprache nicht einfach. Aber die Arbeit an der Schule macht uns viel Spass und das gemeinsame Vorbereiten der Geschichten ist interessant.




Wie ihr vielleicht auf den Fotos erkennen könnt, ist hier „altersdurchmischter Unterricht“ kein Diskussionsthema sondern einfach an der Tagesordnung.

Eure Schulbeschreibung machte gewaltig Eindruck auf mich. Und sicher könnt ihr mit wenig Material (wie wärs mit einem Memory) gewaltig Eindruck schinden.
Danke für den interessanten Bericht zur Schulsituation,
Danke für die Bilder dazu,
Danke, dass Ihr in dieser Schule arbeitet,
Ich kann so gut nachvollziehen, was es heisst, wenn CH-Berufserfahrung nicht umsetzbar ist!
Aber, gell: “Weniger ist mehr” ist ein altes Wort, gilt aber in Eurer Situation! Die Schulkinder werden Euch nie mehr vergessen!
Liebe Grüsse von HELENE