Die Dinge sind schön, wenn du sie liebst.
Jean Anouilh

ein Leben als Halbnomaden
Die Dinge sind schön, wenn du sie liebst.
Jean Anouilh
Härdöpflgratää
Hier eine kleine Anekdote zum Thema Missverständnis, Kommunikation oder Erwartungen. So geschehen am 28. November 2011 in N’Djaména.
Schweizerisch, wie ich halt immer noch bin, nahm ich heute morgen früh das Rezeptbuch zum Solarofen zur Hand und suchte ein Rezept heraus, das uns unsere Haushaltshilfe kochen könnte. Sie kommt drei Mal in der Woche, nimmt uns Arbeit ab und bekocht unsere WG. Heute war es zum ersten Mal meine Aufgabe, ihre Arbeit zu definieren und mit ihr zu besprechen. Da wollte ich doch schon mal gut vorbereitet sein.
Als ich sah, dass es ein Kartoffelgratinrezept für den Solarofen gibt, waren Simi und ich uns einig, was wir gerne als Mittagessen hätten. Einem Kartoffelgratin sind wir nämlich hier im Tschad noch nie begegnet.
Als sie kam, zeigte ich ihr das Rezept, wir schrieben die Einkaufsliste und sie machte die Besorgungen auf dem Markt. Als sie zurück war, machte sie sich ans Rüsten und ich ans Vorbereiten für die Schule. Als ich kurz darauf in die Küche ging, um mir was zu holen, fragte sie mich, ob sie das im Kuchenblech machen solle. Ich meinte, das Blech sei zu nieder für einen Gratin, sie solle ihn in einem Topf machen (wir besitzen natürlich keine Gratinform). Ausserdem wusste sie nicht was „girofle“ sind, so zeigte ich ihr das Gefäss mit „Nägeli“. Ach ja, wo das Backpulver sei, wollte sie ebenfalls noch wissen. Ich gab es ihr. Schliesslich habe ich sie ja gebeten, anschliessend noch einen „Guetzliteig“ zu machen. Eine halbe Stunde später war der Topf im Sonnenofen, wo er für die nächsten zwei Stunden bleiben sollte. In der Zwischenzeit erledigte sie die anderen Aufträge und machte auch den Guetzliteig, wobei sie mich noch einmal um Backpulver fragte.
Kurz nach 12.00 Uhr verabschiedete sie sich und wir begannen den Tisch – äh den Boden zu decken. Ich holte den Gratin aus dem Ofen, legte das Schöpfbesteck bereit und schon wollten wir loslegen. Deckel weg und – ups? Ist das wirklich Kartoffelgratin? Sieht eher aus wie ein Katoffel- und Zwiebelbrot! Da muss wohl oder übel ein Messer her, damit sich jeder eine Scheibe abschneiden konnte. Leider war das ganze ziemlich teigig und wegen der vielen ganzen Nägeli nicht so einfach geniessbar.
Mit jedem Biss Kartoffelgratinbrot wurde mir klarer, weshalb sie schon bei der Zubereitung des Gratins nach Backpulver fragte und woher sie das leere Gewürzgefäss hatte um etwa den frisch gemörserten Ingwer zu verstauen. Und warum sie wegen des Blechs fragte, wurde mir klar, als ich mich erinnerte, dass sie vor einer Woche von meiner Mitbewohnerin gelernt hatte, eine „Böllätüllä“ zu machen – und da das aus dem selben Rezeptbuch stammte, musste es ja fast ein Teig sein.
Das nächste Mal, als sie zur Arbeit kam, fragte sie dann auch, ob das Brot gut gewesen sei.

Aber ich habe einiges gelernt:
Zum Sonntag, dem Ruhetag:
Jesus sagt: “Kommt alle her zu mir, die ihr müde seid und schwere Lasten tragt, ich will euch Ruhe schenken.”
Die Bibel, Matthäus 11.28
Gemütlich sitzen wir beim Z’morgä bei Musik aus dem neu gekauften Radio. Doch anstatt Nachrichten kommt die Ansage, dass Radio France International (RFI) heute streikt und daher nur ein Musikprogramm sendet. Jedenfalls in dieser Hinsicht ist das koloniale Erbe hier noch spürbar. Unbeeinflusst davon kommt hiermit für euch Nummer 3 des Adventsblogenders – mit einer Bitte:
Wer noch alte Mixtapes hat, darf sie uns gerne schicken, wir werden sie entweder selber hören oder wenn sie uns nicht gefallen einem Taxichauffeur verschenken. Wir hören nämlich RFI mit einem richtigen Kassettenrekorder.
„Du schwarz!“ – „Ich weiss!“
Dank Windows dürft ihr jeden Tag ein Fenster im Adventsblogender öffnen. Nach Reisen, Krankheit, Strom- und Internetmangel wollen wir die nächsten 23 Tage etwas fleissiger sein. Das ist ein Vorsatz. Etwas stabiler als ein Neujahrsvorsatz, hoffentlich, aber man kann nie wissen, denn: Chad happens!
Wenn wir schon gerade online sind, nutzen wir das, um euch mitzuteilen, dass ihr uns fehlt. Eine Weihnachtszeit ohne Weihnachtszeit, ohne alle typischen Anzeichen wie Christkindlmarkt Konstanz, Glühwein, Geschichten, Guezli, Kerzen, Kälte, Schlitteln, Stress, Advents- und Kaffeekränzchen, Karten und vor Allem ohne Familie und Freunde, das ist schon ein wenig trist. Dem Ganzen wird ein bisschen Schwere genommen durch den Umstand, dass täglich die Sonne scheint und Nebel inexistent ist. Darum schreiben wir diese Zeilen danke Photovoltaik und freuen uns auf das Brot aus dem Solarofen.
Ja, es ist soweit, wir leben nicht mehr ungezügelt, sondern sind in ein tschadisches Mittelstand-Haus gezogen. Im Folgenden möchten wir auf die Vorzüge der Wohnart in unserem neuen Wohnort hinweisen:
Nie mehr Chromstahlspülbecken polieren – Traum jeder Hausfrau!
Die Waschmaschine kann nicht kaputt gehen, sondern höchstens krank werden.
Nie mehr die Hände an zu heissem Wasser aus dem Wasserhahn verbrennen.
Kein Bedarf, Staubfänger zu kaufen – jedes Objekt (und sogar wir Subjekte, wenn wir irgendwo länger sitzen) können Staub fangen.
Keine Sparwasserhahn-Aufsätze mehr – wenn Wasser kommt, dann sicher nur sparsam.
Nie mehr den Parkettboden bohnern, keine Möbel polieren, keine Fensterscheiben putzen. All das ist nicht vorhanden (mit Ausnahme von zwei handgezimmerten Schemeln à je 2 CHF.)
Das Schlafen auf der Veranda erspart das Öffnen der Fenster um frische Luft zu haben in der Nacht.
Man ist nicht allein für die Kindererziehung zuständig – alle Nachbarn müssen mithelfen, wenn das Kind zu ihnen auf die Veranda rennt.
Es hat nur sehr wenig Elektrosmog. Strom hatten wir bis jetzt keinen – dafür müssen sehr viele Faktoren stimmen: Die bestehende Leitung muss funktionieren, es muss von allen drei Parteien in der Concession und vom Vermieter zusammen im Voraus bezahlt werden (inklusive ausstehende Beträge aus den Monaten vor unserem Einzug), und es muss auch noch gerade Strom fliesen in unser Quartier.
Keine Ausgaben für teure Freizeitbeschäftigungen, leben ist Beschäftigung genug.
Kein Proteinmangel dank Lebewesen in den Vorräten.
Genug Schlaf, da man im Taschenlampenschein nicht so lange durchhält.
Training der Fähigkeit, trotz heterogener Geräuschkulisse schlafen zu können.
Das „Tischputz-Ämtli“ und das „Bodenwisch-Ämtli“ fallen zusammen.
Es muss keine Sandkasten angeschafft werden für die Kinder, sie können einfach im Innenhof spielen.
Beach-Party ist jeden Tag möglich.
Wenn man den Schmutz auf der Veranda unter den Teppich (bzw. die Matte) kehrt, ist er bereits am richtigen Ort.
Haustieren müssen nicht gefüttert werden – sie bleiben auch so dem Haus treu und jagen ihr Essen selber.
Keine Wasserverschwendung zum Spülen der Toilette – plumps und weg!
Kühlschrank enteisen entfällt vom Putzplan.
Man muss nicht jeden Abend alles unters Dach nehmen, damit es nicht vom Regen oder Tau nass wird – einfach nicht bis im Mai, Juni liegen lassen.
Nie mehr Altpapier bündeln – die Zeitungen, die man am häufigsten antrifft, sind alte Nigerianische, die als Verpackungsmaterial verwendet werden, vor Allem seitdem Einweg-Plastiksäcke verboten wurden.
Das Sitzen, Kochen, Essen etc. am Boden und das Aufstehen vom Boden fördert denAufbau bisher vernachlässigter Muskelpartien.
Der Siphon wird nie verstopft, da Abwasser im Innenhof oder im Strassengraben ausgeschüttet werden kann, wo es im Eimerumdrehen verdunstet.