Kein Wort für Danke – Teil 2

14. Dezember

Folgend zwei kleine Geschichten, die aus meinen “Danke”-Diskussionen entstanden sind:

1. Nach einigen Monaten Zusammenarbeit sagte mir eine Frau einmal: “Ich habe von dir gelernt “Danke” zu sagen (sie brauchen dann einfach das arabische Wort dafür). Und ich haben gemerkt, dass das irgendwie richtig gut ist.”

Während ich mittlerweile das “Danke” gar nicht mehr erwarte, hat sie angefangen es zu benutzen, weil es ihr gefällt 😉

2. Nachdem ich über mehrere Wochen nächtelang hunderte von Seiten formatiert habe und endlich alles zum ersten Mal gedruckt war, hab ich das voller Freude unserem Verantwortlichen für die Schulen gezeigt. Er nahm ein Buch zur Hand, schaute es sich kurz an und zeigte dann auf einen kleinen Schreibfehler irgendwo.

In diesem Moment platzte mir der Kragen und ich tat etwas, das man eigentlich nicht tun sollte. Ich habe offen und direkt einem älteren Mann gesagt, was ich denke. Ich sagte: “Seit Wochen arbeite ich für diese Lehrmittel, für deine Schulen. Es war sehr viel Arbeit, nicht nur zu Bürozeiten. Heute konnten wir sie endlich drucken und ich bin erleichtert, dass diese schwierige Aufgabe endlich geschafft ist. Und wenn jetzt jemand kommt und von dieser ganzen grossen Arbeit nur diesen einen kleinen Fehler erwähnt, dann ist das schwierig für mich. Ich würde mir einen Dank oder eine Ermutigung wünschen, damit ich die nächsten Aufgaben wieder mit Freude anpacken kann.” In der Tat, das war sehr untschadisch von mir, meine Bedürfnisse so klar und direkt zu äussern.

Der gute Mann redete sich dann ein bisschen raus und wir haben es dabei belassen.

Ungefähr zwei Monate später, bei der Abschlusssitzung des Komitees für den Concours, hat er am Schluss das Wort ergriffen und sich vor allen Anwesenden überdeutlich bei mir für meinen Einsatz und die grosse Arbeit bedankt.

Ein Jahr nach meinem “Anfall” sind nun auch die Schulbücher fürs zweite Jahr fertig gestellt. An der Diplomfeier für unsere Lehrerinnen hat er dem Übersetzungshelfer und mir vor grossem Publikum eine in Gold gerahmte Dankesurkunde überreicht und uns wirklich geehrt. Das hatte ich nicht beabsichtigt mit meinem kleinen Anfall. Solche Ehrungen vor anderen Leuten sind mir doch peinlich. Aber ich finde es sehr schön zu sehen, wie er nun versucht seine Dankbarkeit auf eine Art auszudrücken, die ich auch verstehen kann. Wir gehen uns entgegen. Ich versuche die Dankbarkeit zu erkennen, wo sie für mich versteckt ausgedrückt wird und sie versuchen mich zu verstehen und geben sich Mühe sich so auszudrücken, dass es bei mir auch ankommt. Stark, oder?

Wie drückt man in dieser Kultur Dank aus? Ich erhalten ein Dankesurkunde als Teil meiner Studien in “Dankeskunde”

Malt heute doch unsere Anja aus!

Kein Wort für Danke – Teil 1

13. Dezember

In den Sprachen Tudaga, Dazaga und Kanembu gibt es kein Wort für “Danke”. Das beschäftigt mich schon länger, denn die Sprache bestimmt ja zu einem grossen Teil auch, wie wir die Welt sehen. Heisst das, dass sie auch keine Dankbarkeit empfinden? Oder vielleicht drücken sie Dankbarkeit einfach auf eine andere Art aus? Wenn ja, dann ist es oft auf eine Art, die ich überhaupt nicht verstehe.

“Seisch no Danke, gell!” Das wird in unserer Kultur schon bei Kleinkindern kultiviert. Alles andere gilt als “unanständig”. Bei den Tubus wird das nicht einmal von Erwachsenen erwartet. Wie kommt das? Und wohin führt das?

Bis jetzt habe ich noch keine klaren Antworten gefunden, aber in vielen Gesprächen mehr darüber erfahren. Hier einfach ein paar Erkenntnisse:

  • Für die Tubus ist es ein Zeichen von Schwäche, “Danke” zu sagen. Denn damit drückt man aus, dass man vorher bedürftig war. Und als bedürftig zu gelten ist das Letzte, was ein Tubu will. Dafür isst man auch schon mal zuhause einen guten Happen, bevor man an ein Hochzeitsessen geht. So kann man dann locker nach ein paar Anstands-Bissen aufstehen und damit den Eindruck hinterlassen, dass man die angebotenen Kalorien nun wirklich nicht nötig hat.
Wieviele Gäste sind an der Hochzeit?
Ein Festessen
  • Warum soll der Gast sich bedanken, wenn ihm ein Tee serviert wird? Das ist die selbstverständliche Pflicht des Gastgebers. Und für Pflichterfüllung ist nun wirklich keine Dankbarkeit nötig.
  • Wenn man wirklich “dankbar” ist, weil man etwas nicht Selbstverständliches bekommt, dann spricht man anstelle von einem “Danke” eher einen Segen über diese Person aus. Sowas wie: “Gott möge dich segnen” oder so ähnlich.
  • Eine Formulierung von Dankbarkeit ist Wuše wuše (“Wusche wusche” ausgesprochen). Das sagt man zu einer jüngeren Person, wenn sie etwas gut gemacht hat oder man jemanden ermutigen will, im Stil von “Weiter so!”
  • Eine andere Formulierung haben wir gelernt als verbalen Ausdruck von Dankbarkeit zu verstehen: “Jetzt hab ich dir Mühe gemacht”. Nicht das “Danke”, das wir uns aus unserer Prägung gewohnt sind, aber es tut gut, das als “Danke” aufzufassen.

Interessant ist ja, dass es etwas mit mir macht, wenn sich jemand nicht bedankt, wenn ich was für ihn gemacht oder gekauft habe. Aber hier kann ich dieses “Danke” nicht erwarten, sondern es wird auf eine andere Art ausgedrückt, die ich irgendwie schlecht verstehe. Es dauerte lange, bis mir das so klar wurde. Aber ich lerne immer wieder viel dazu.

Malt doch heute den Lastwagen aus. Denn dieser ist auf jeden Fall tankbar.

Die singende Düne

11. Dezember

Von dieser singenden Düne hatten wir schon so viel gehört, nur ihren Gesang noch nicht. Letzten April, als wir in Gouro waren, war es dann soweit. Unser Freund Ahmat, der diese Düne in einem Gedicht besungen hatte, war unser Führer auf der Reise nach Gouro. Und mit Genugtuung kündigte er am morgen nach unserer Ankunft an, dass er uns nun zu dieser sagenhaften Düne führen werde.

Wir fuhren an den Fuss der Düne, um den Rest dann hochzuklettern. Das war ganz schön anstrengend, etwa wie auf einer Schneetour im Tiefschnee. Nur die Temperaturen waren etwas höher. Oben angekommen genossen wir den fantastischen Ausblick, bevor wir anschliessend mit aller Kraft versuchten die Düne zum Singen zu bringen.

Ich glaube, die Düne hat schon lange nicht mehr gesungen und die Kröte im Hals musste zuerst besiegt werden. Ahmat und die beiden anderen Männer aus Gouro waren aber fest entschlossen, sie für uns zum Singen zu bringen. Sie fingen an, auf dem Sand herumzutrampeln, rannten eine Strecke hinab, hüpften an Ort und Stelle. Dann begannen wir alle, schwere Steine hinunterzurollen. Plötzlich fing sie an zu vibrieren und es klang wie ein Flugzeug, das sich aus der Ferne annäherte, wieder ging und wieder kam und wieder ging. Mit der Zeit klang es fast wie ein Didjeridoo. Ein faszinierender Moment.

Ein bisschen hatte ich auch Schiss, dass wir durch diese Vibration eine Sandlawine auslösen würden. Oder ein Sandbrett? Glücklicherweise ist das nicht der Fall.

Auf jeden Fall blieb zum Schluss noch der Spass, die Düne wieder runter zu rutschen und auch noch die letzte Körperritze mit Sand zu füllen.

Auf den letzten hundert Metern wurde der Sand so heiss, dass ich dachte, dass wir alle mit Verbrennungen an den Füssen enden würden. Ahmat musste Leanna retten, die ihre Schuhe verloren hatte und weinend die Düne hinunterstolperte. Schlimmer als ein Sonnenbrand war es dann allerdings doch nicht.

Alles in Allem war der Ausflug zur singenden Düne echt toll (obwohl ich die Bezeichnung “Brummende Düne” eigentlich besser finden würde).

Malt doch heute den Rest der Bergkette aus.

Wilde Tiere und Wildes von Tieren

10. Dezember

Eines Morgens in unseren “Ein-bisschen-aus-der-Stadt-raus-Ferien” wurde ich so geweckt: “Mami, Mami, Mami, es Hippopotami!” (Die Regenzeit hat den Fluss so hoch anschwellen lassen, dass ich dieses Foto ohne Zoom aus dem Garten des Gästehauses machen konnte)
Immer eine Freude, wenn man eines entdeckt.
Am Markttag in einem Dorf gibt es immer einen Eselparkplatz. Voilà!
Hoffentlich hat dieses Schaf keine Höhenangst!
Lieber auf dem Dach als auf der Hutablage…
Waaaaaarum?

Malt heute doch den Skorpion aus. Leider haben wir kein Foto gemacht, als wir ihn auf der 14. Stufe einer gefliesten Treppe gefunden haben… Wie er da wohl hingekommen ist?

Koye’s Haus

Hier in der Hauptstadt sind wir in der Sahelzone. Das heisst, eigentlich regnet es ungefähr 8 Monate im Jahr nicht. Es ist plump gesagt “furztrocken”, alles ist staubig, der Erdboden hart und alles was gedeihen sollte, muss regelmässig gegossen werden. In den anderen vier Monaten hingegen, regnet es oft und vor allem sehr stark. So dass sich das Quartier in einen Sumpf aus Abfall und Matsch verwandelt, ein Mückenparadies entsteht und die Kleider vor lauter Feuchtigkeit nicht mehr trocknen. Und wenn der Schimmel mal da ist, ist er nicht mehr wegzukriegen und stellenweise kommst du ohne 4×4 Antrieb auch im Zentrum der Hauptstadt nicht überall hin, wo du gerne möchtest.

Aber dieses Jahr ist es ein bisschen anders. Es hat sehr viel geregnet, wie noch an vielen Orten auf der Welt. Der Boden ist gesättigt, der Grundwasserspiegel hoch und der Fluss weit höher als vor zwei Jahren, wo bereits der Jahrhunderthöchststand war.

Hier in der Stadt hat es vor 7 Wochen das letzte Mal geregnet und wir befinden uns bereits seit längerem in der furztrockenen Phase, wo wir uns langsam mal wieder über einen Regen  freuen würden (was aber erst im nächsten Juni der Fall sein wird). Jedoch klagte unser Wächter immer wieder darüber, dass sein Haus am Stadtrand langsam überschwemmt werde. Hier bei uns ist das schwer vorstellbar

Letzte Woche haben wir ihn besucht und gesehen, was er meint.

Tatsächlich ist sein Haus noch eines der wenigen im Quartier, das (knapp) bewohnt werden kann. Es seht wie auf einer Insel, mittlerweile muss man sogar durchs Wasser waten, um da hin zu kommen. Allerdings steht das Haus unter dem Wasserspiegel, geschützt wird es durch einen kleinen Wall, den er mit seinen Jungs täglich ein bisschen erhöht. Seit einem Monat und 24 Tagen.

Heute werden die Füsse nass, wenn man zu seinem Haus laufen möchte
Seine Toilette
Sein Haus
Sein Innenhofe. Rechts die Veranda und links der Hühnerstall
Ebenfalls sein Innenhof. Sein Trinkwasser steht in den Tonkrügen im Wasser…

Der Sonnenuntergang, dieses Haus, das Wasser rundherum – so ein unglaublicher Moment. Die Kombination von purer Schönheit und gleichzeitiger Misere, alles in einer komplett friedlichen Atmosphäre liess mich vor allem grosse Dankbarkeit empfinden.

Und einmal mehr denke ich darüber nach, dass der Tschad einfach ein Land der krassen Kontraste ist, wo auch immer man hinschaut. Irgendwie muss man damit klarkommen. Aber in diesem Moment fiel es leicht. Die Kontraste waren auf wundervolle Weise vereint.

Malt doch heute den Eisvogel aus, sein Lebensraum ist in diesen Tagen ziemlich gross.

PS: Mittlerweile geht das Wasser zurück, und er konnte tatsächlich die ganze Zeit in seinem Haus bleiben!