Heute ist einer der Tage, an dem sich mir mal wieder einige Fragen stellen. Was bedeutet Reichtum? Ist „Wissen“ nicht viel mehr wert? Wie denke ich über das Sterben?
Wie so oft hier, wurde mein Alltag von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt. Ich mag das nicht, da ich je eigentlich einen Plan für heute hatte und mich auch auf einige „Programmpunkte“ gefreut habe. Allerdings bin ich ziemlich sicher auf der ganzen Oase der einzige Mensch, der sich an der Kurzfristigkeit gewisser Ankündigungen stört …
Auf jeden Fall hörten wir am Vorabend gegen zehn Uhr nachts bereits im Bett liegend, dass ein Megaphon getestet wurde. Anschliessend kurvte tatsächlich ein Auto durch die Oase und kündete zwischen Knarzen und Pfeifen an, dass morgen um 08.00 Uhr ein Minister Bardai besuche und alle sich versammeln sollten. Somit beschlossen wir am nächsten Morgen früh, dass unser Zentrum am Vormittag geschlossen bleibt. OK. Also ein gemütlicher Morgen zu Hause, wo ich endlich mal ein bisschen gründlicher aufräumen kann während Junias Morgenschlaf (wo ich normalerweise eben im Zentrum arbeite). Doch da kommt auch schon die Nachricht von einem Todesfall und wenig später von einem zweiten. Das heisst, alles stehen und liegen lassen und dort vorbeigehen, um mit den Angehörigen für einige Minuten schweigend dazusitzen. Die Verstorbenen waren beide Frauen, schätzungsweise zwischen 50 und 60 Jahre alt – das Alter meiner Mutter.
Einige Stunden später bin ich mit Junia auf dem Nachhauseweg von der Ministerparade, (die erst nach 10.00 Uhr begann), da rennt mir unser Nachbarsmädchen entgegen und erzählt, dass das knapp zwei Monate alte Baby meiner Nachbarin gerade eben gestorben sei. Was? Vor drei Stunden sass ich noch vor ihrem Haus zusammen mit ihrer Schwester und ich hab nicht mal mitbekommen, dass das Baby krank wäre!
Ich mache einen Schritt zurück. Die Tubus sind im Tschad diejenige Volksgruppe, die in der sozialen Hierarchie (von ca. 140 Volksgruppen) zuoberst steht. Das heisst, sie werden von der Regierung sicher nicht ausgebeutet. In ihrem Territorium haben sie in den letzten zwei Jahren eine beachtliche Menge an Gold gefunden, das sie mit niemandem teilen. Sie haben so viel Geld, dass sie in den letzten Jahren ihre Gärten mehr oder weniger aufgegeben haben und nur noch von „Importprodukten“ leben. Ihr ganzes Geld legen sie in Pickups und Zementhäusern an. Die Frauen tragen schweren Goldschmuck und die Männer glänzende Gewänder. Smartphones sind keine Seltenheit und einige Jungs haben sogar WhatsApp.
Gleichzeitig haben die Mehrheit der Häuser keine Toiletten, sondern die Geschäfte werden draussen irgendwo oder gar im eigenen Garten verrichtet. Gekocht wird über dem Feuer und die leeren Dosen der unzähligen Colas, die man hier trinkt, werden einfach irgendwo hingeschmissen, zusammen mit allem anderen Plastikabfall, der mehr und mehr seinen Weg hierher findet. Dass wir alle das Grundwasser trinken, das sich in nur gerade 6 Metern Tiefe befindet, daran wird kein Gedanke verschwendet. Im vorhanden Spital hat es keinen Arzt der die Geräte bedienen kann, Antibiotika werden wie Traubenzucker verteilt, Packungsbeilagen werden von niemandem gelesen und schon gar nicht verstanden und jeder Tubu ist überzeugt: Wenn man einem ganz kleinen Baby nicht ein Stück des Halszäpfchens abschneidet, verfault sein Gehirn. Der Arzt hier behauptet, dass es in der Wüste mehr Malaria gäbe als in der Hauptstadt und die Leute glauben, dass Hirse zwar viel Energie gibt, aber eben dumm mache. So füttern sie ihre Kinder lieber mit Süssigkeiten und leisten sich Datteln aus Tunesien, während hier die Datteln an den Palmen vergammeln.
Was nützt also der ganze Reichtum, wenn Säuglinge trotzdem einfach so sterben, ohne dass sich jemand fragt, ob man vielleicht hätte etwas dagegen machen können?
Scheinbar ohne Widerstand halten mit dem zunehmenden Reichtum moderne Annehmlichkeiten Einzug und Käuflichkeit untergräbt die Moral. Gleichzeitig bleibt das fatalistische Denken tief verwurzelt: Probleme und Schwierigkeiten werden ohne jegliches Hinterfragen dem Schicksal zugeschrieben.
So werden einerseits neue „Güter“ ungehindert aufgenommen und anderseits wird das Bestehende einfach hingenommen. Beides beruht darauf, dass nichts hinterfragt wird – weder das Alte noch das Neue.
Wäre da „Wissen“ nicht buchstäblich mehr wert als Gold?
Es bräuchte dringend ein allgemeines Grundwissen (Abfallentsorgung und Grundwasser, in den Garten kacken – wer bringt den Fliegen bei, dass sie nicht über meinen Zaun kommen dürfen, wenn sie vorher in einem Garten in der Kacke sassen, Antibiotikaresistenzen, Diabetes und Coca Cola …) und eine Prise kritisches Denken.

