Re-Integration

Auch dafür gibt es Handbücher. Unseres heisst „30 Minuten – Rückkehr aus dem Ausland“ und beschreibt unter anderem die Phasen der Wiedereingliederung. Da wir oft gefragt werden: „Sinder scho chli acho?“, wollen wir euch hier eine ausführliche Antwort mit Hilfe dieser Phasen geben.

 

1. Touristenphase

Wir fühlen uns wie in einem 5-Sternhotel, wie es scheint hat sich die Schweiz herausgeputzt und alle Fassaden neu gestrichen. Wir fühlen uns geehrt J! Alles ist simpel. Einkaufen, Abwaschen, Waschen, ÖV und da wir oft zu Gast sind, können wir sogar wünschen was wir schon lange mal wieder essen wollten. Alle finden es schön dass wir da sind und wollen unsere Geschichten hören.

Ausserdem werden wir darüber aufgeklärt, was es jetzt hier Neues gibt. Der Samichlaus heisst jetzt Müslüm, DRS und SF heissen jetzt SRF, es gibt keine Velovignetten mehr dafür Zumba und unglaublich lange Longboards und zur Illustration werden die entsprechenden Clips gleich „gestreamt“. Kurz gesagt: Wir fühlen uns wie VIPs auf Staatsbesuch.

Aber dann kommt:

 

2. Ernüchterungsphase

Versicherungen und erste allgemeine Verunsicherungen. In drei Tagen läuft unsere internationale Krankenkasse ab und vor drei Tagen hätten wir uns auf der Gemeinde anmelden müssen. Für eine Krankenkasse muss man angemeldet sein, bei der Anmeldung muss man eine Krankenkasse haben. Hm…?

Zum ersten Mal schreibt jemand auf ein Formular mit unserem Namen das Wort: „ARBEITSLOS“. Das gleiche Amt erlässt uns dafür vorläufig die Steuern.

Nachdem wir 2012 ohne auskamen, brauchen wir nun wieder eine Agenda. Beim Grossverteiler ist sie aber nicht einmal mehr zum halben Preis erhältlich. Nun haben wir eine gefunden und sitzen wir da mit unserer leeren Agenda, aber niemand hat Zeit mit uns etwas zu unternehmen. Dabei wäre doch das Wetter so… Nein. Das ist die wohl grösste Ernüchterung. Es scheint hier nicht einmal die Sonne.

So etwas muss fast zur nächsten Phase führen:

 

3. Entfremdungsphase

Wieso zücken alle Umstehenden gerade das „Streicheltelefon“ und das Gespräch macht der Recherche platz, nur weil ich dummerweise über eine unwichtige Frage laut nachgedacht habe?

Wieso braucht es zu einer Kaffeetasse eine Kaffeetassenuntertasse auf dem Tischset? Muss man die Kaffeetassenuntertasse auch abwaschen, wenn sie sauber geblieben ist?

Kann ein Flachbildschirm der die halbe Wand einnimmt ein schönes Bild ersetzen?

Wieso heisst unser Buch „30 Minuten – Rückkehr aus dem Ausland“ wenn man sich für diesen Prozess genügend Zeit lassen soll?

Zum Glück weiss ich noch, welches Schampo mir mein Haar wert ist. Und M.* hat es noch nicht aus dem Sortiment genommen.

 

Aber das Handbuch tröstet uns:

Zitat: „Es ist normal, dass Sie, wenn Sie aus dem Ausland zurückkehren, durch die Touristenphase, die Ernüchterungs- und Entfremdungsphase gehen.“ Die darauffolgenden Phasen (4. Verurteilungen, 5. Rückfall, 6. Flucht und Zerbruch) sind zum Glück freiwillig, wie die Autoren weiter anführen: „Aber verurteilen muss keiner. Das ist ihre Entscheidung.“

Wir haben uns dagegen entschieden. Schön, dass wir wieder da sind.

 

 

* Name der Detailhandelskette ist der Redaktion bekannt.

3 Antworten auf „Re-Integration“

  1. 🙂
    Welcome back!
    Ja, das wieder einleben kann unter Umständen der grössere Kulturschock sein als die Ankunft in einem fremden Land… Aber das ist bei Euch beiden auch scho wieder “lange” her und vielleicht nicht mehr so im Bewusstsein?…
    Falls Ihr Euch langweilt und nicht was tun, seid ihr herzlich eingeladen am nächsten Montag bei meinem Open-House (Getränke und einfache Snacks) vorbei zu kommen… (Wäre einfach froh es bis am Sonntag Abend zu wissen… Übernachtung ist kein Problem, Massenlager geht immer, ich muss einfach am Dienstag wieder arbeiten…)
    Ansonsten wünsche ich Euch ein gutes wieder aklimatisieren!
    Liebe Grüsse aus dem Obwaldnerland
    Fränzi

  2. Bonjour. De retour en suisse? C’est bien normal d’éprouver cette sensation que vous décrivez. Dès qu’on part quelquepart et qu’on vécu une culture différente, on ne redevient jamais chez soi complètement et on a l’impression d’être étranger chez soi. J’espère que vous allez bien et que vous rentrez pleins de grandes expériences. Un gros bisous d’Andalousie.

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