Lehrerausbildung oder Unterstufe

18. Dezember

Zu unserer grossen Freude sind erneut 4 Frauen aus Gouro angereist für die Lehrerinnen-Ausbildung, um dann auf ihrer Oase in der Muttersprache zu unterrichten. Die Reise ist ungefähr 1000km durch die Wüste, also nicht gerade eine schöne Autobahnstrecke. So kam die letzte Dame dann mit zwei Wochen Verspätung an – ein bisschen ungünstig – denn sie hatte am meisten Mühe damit, in ihrer Muttersprache zu lesen.

Einer unserer Ausbildner übte tagelang mit ihr – ganz nach tschado-französischer Art – alle möglichen Buchstabenkombinationen zu lesen und zu schreiben. Eigentlich sollte das nicht so schwierig sein, da sie fast alle Buchstaben vom Französischen her kennen sollte und in ihrer Sprache alles phonetisch geschrieben wird – ganz genau so wie es auch ausgesprochen wird.

Diese Frau hat die Oberstufe abgeschlossen und auch eine zweijährige staatliche Lehrerausbildung hinter sich. In den letzten Jahren hat sie 5. und 6. Klasse auf Französisch unterrichtet. Gute Vorbildung und Arbeitserfahrung, würde man meinen.

Aber:

  • Leider kann sie kaum eine Frage auf Französisch beantworten.
  • Sie tat sich schwer mit den Buchstaben. So waren die Grundtechniken Lesen und Schreiben (im Interesse der Kinder auch gerne leserlich) eine grosse Herausforderung.
  • Rechnen: Könnt ihr euch vorstellen, dass Erwachsene Lehrpersonen hier 30 – 10 = ? an der Wandtafel schriftlich ausrechnen müssen? Oder dass es eigentlich nicht möglich ist, 67 + 8 = ? im Kopf zu rechnen?
  • Auch die Zeit lesen, Meter und Zentimeter, sowie Dinge halbieren oder vierteln musste im Rahmen unserer Lehrerinnenausbildung definitiv erst noch gelernt werden.
  • Dass es Gross- und Kleinbuchstaben und Regeln zu ihrer Anwendung gibt, dass es Linien gibt wo man die reinschreiben könnte und überhaupt wie die alle so geschrieben werden würden, war ebenfalls Inhalt unserer Lektionen. Und ja. Am Schluss eines Satzes braucht es einen Punkt.

Und dann fast das schwierigste von allem: Wenn ich als Lehrperson einen Auftrag gebe, dann sollten sie sich tatsächlich bewegen, einen Stift zur Hand nehmen und das Geforderte ins Heft reinschreiben. Und es ist sogar möglich, dass die gewünschte Antwort nicht von der Tafel abgeschrieben werden kann, sondern selber überlegt werden muss. Das alles ist keine Selbstverständlichkeit.

Kurz gesagt, aus unserer Sicht eine reine Katastrophe. Niemand hat während der Schulzeit je gecheckt, um was es eigentlich geht. Aber ist jahrelang in der Schule gesessen. (Und unterrichtet heute selber Kinder.)

Um diesen ziemlich sinnlosen Kreislauf zu unterbrechen, fördern wir Unterricht in der Muttersprache. Comprendre pour apprendre (“verstehen um zu lernen”) heisst unser Slogan. Also alles was die Lehrperson sagt, wird hoffentlich von den Kindern verstanden. das mit dem Verstehen ist schon mal geregelt wenn man in der Muttersprache unterrichtet. Aber damit es etwas zu lernen gibt, muss die Lehrperson auch etwas wissen, das sie dann vermitteln kann.

Wir haben neun Wochen lang hart gearbeitet, oft war es eher entmutigend. Allerdings war es sehr schön zu sehen, wie unglaublich viel besser die beiden Damen waren, die bereits letztes Jahr ausgebildet worden sind und ein Schuljahr lang unterrichtet haben. Der Unterschied zu den Neuankömmlingen war unglaublich gross und gibt definitiv Hoffnung, dass muttersprachlicher Unterricht nicht nur für die Kinder sondern auch für die Lehrpersonen eine massive Veränderung darstellt.
Sie werden in diesem Jahr die 2. Klasse unterrichten. (Und die Buchstaben, welche sie letztes Jahr falsch eingeführt haben, hoffentlich noch richtig weitergeben ;-).

Nach 9 Wochen Ausbildung, sind sie wieder abgereist um Ende November das Schuljahr auf der Oase zu starten. Hat das, was wir ihnen weitergeben konnten, gereicht? Wir werden es erst in einem halben Jahr sehen, wenn wir erneut die Situation evaluieren werden. Hoffnung besteht, doch einfach ist es nicht!

Der Chef unserer Partnerorganisation, die die Schulen auf der Das Gouro am laufen hält, ermutigte die Damen bei der Diplomübergabe mit den folgenden Worten:

” Ihr spielt eine historisches Rolle. Ihr seid die ersten, die im Norden des Tschad in der Muttersprache unterrichten! “

Malt heute den Vogel in der Palme aus. Er wurde von einem Tschader gezeichnet um eine Geschichte zu illustrieren.

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