23. Dezember – Der Kinderkurs

Zeichen des Wandels

Der steinige Weg vom Alphabet zur -isierung

1998 wurde das Tedaga-Alphabet publiziert. Kaum ein Tubu war daran interessiert. Im Gegenteil: Nur eine Handvoll Tubus war überhaupt bereit, bei den linguistischen Recherchen zu helfen, die es erlaubten, dieses Alphabet zu erstellen. 

2010, 12 Jahre später erst, fand die erste Tedaga-Alphabetisierungsklasse statt. Und das im Niger, am Rand des Tedaga-Sprachgebiets. Mit Müh und Not war eine Handvoll Eltern zu finden, die bereit waren, ihre Kinder in diese Klasse schicken. Zu gross war die Angst, dass die Kinder gleich «christianisiert» werden, wenn sie die Buchstaben des lateinischen Tedaga-Alphabets lesen würden. 

Zehn Jahre später

2020. Als wir am 3. Dezember am Nachmittag zum Zentrum kamen, warteten da bereits einige Dutzend Kinder. (Das Wort Zentrum gilt hier gleich im doppelten Sinn, denn mit Bardai liegt es genau im kulturellen Zentrum der Tubus). Und als so viele Kinder in die drei Klassen geströmt waren, dass jeder Platz besetzt war, gab es immer noch viele Kinder vor der Türe. Sie protestierten lautstark mit Knallkörpern und Gepolter gegen die Zentrumstür, weil es für sie keinen Platz mehr gab. Am zweiten Kurstag mobilisierten wir alle verfügbaren Tische, Bänke und Stühle. Doch nachdem wir noch ca. 30 weitere Kinder reingelassen hatten, war die Kapazitätsgrenze definitiv erreicht. Immer noch stand draussen ein Traube Kinder protestierend vor der Tür und liess sich nicht abwimmeln. Und sowas, an ihren einzigen zwei «freien Nachmittagen» (Hier sind die Kinder von Montag bis Samstag am Morgen in der Schule und von Samstag bis Mittwoch am Nachmittag in der Koranschule – natürlich nur in den wenigen paar Monaten, wo es überhaupt Lehrer hat hier). Was für ein Wandel in diesen 10 Jahren! 

Schönes Problem

Dass es «zu viele» Kinder hat, die ihre Sprache schreiben lernen wollen, ist ein schönes Problem. Doch auch schöne Probleme muss man lösen. Wir stellten der Wand entlang einen «Zaun» auf, damit wir die Kinder einen um den anderen empfangen konnten. Drei Personen, ausgerüstet mit Präsenzlisten der ersten zwei Lektionen, regelten den Einlass. So kehrte Frieden und Ruhe ein. 

Auch im Inneren ging es ruhiger zu und her. So ruhig wie es halt sein kann, wenn Erst- und Zweitklässler, die kaum die Buchstaben kennen, draussen auf einer Matte sitzend Buchstaben und Bilder verbinden oder das «Alphabet singen».  

So ruhig wie es halt sein kann, wenn Drittklässler während eineinhalb Stunden zu fünft an einem 1,30m breiten Tisch sitzen müssen. Anja hat nämlich fast ca. 70 Kinder aus der 3.- 6. Klasse. Viele von ihnen können nicht, oder nur mit Mühe ihren Namen schreiben, andere schaffen sogar ein paar Sätze. 

Ja, die Stimmung ist wirklich gut und so langsam fangen immer mehr von ihnen an, mitzudenken. (Was offenbar in der öffentlichen Schule nicht gefragt zu sein scheint.) 

Im Video schreibt Anja «schliess deine Augen» an die Tafel – jetzt ist nur lesen und danach handeln gefragt. Beachtet das Mädchen im beigen Kopftuch. 

Mark hat seinerseits 15 Oberstüfler, die voll bei der Sache sind. Eine wahre Freude für ihn, da der das Tedaga-Alphabet entwickelt und sich tief in die Eigenheiten der Grammatik eingearbeitet hat. Die Mehrheit der Teilnehmenden hat bereits in gutes Niveau, viele sind seit Jahren regemässige Zentrumsbesucher. Mit ihnen konjugiert er nun die verschiedenen Typen von Verben in allen möglichen Zeitformen. Und immer wieder geht angesichts der Konjugationstafeln ein Staunen und Raunen durch den Raum: Wow. Das ist unsere Sprache. So komplex, so strukturiert. Eine grossartige Entdeckung! 

Morgen, am 24. ist die Prüfung – die nächste logistische Herausforderung. Und dann nächste Woche noch die Preisübergabe in den Klassen. Schon bald ist dieser Kurs vorbei und wir ziehen weiter in die Hauptstadt, für den nächst Kurs. Die dortige Herausforderung: Eine dritte Sprachgruppe zu integrieren in den «Concours toubou» – der damit über «toubou» hinauswächst! 

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