Gewalt oder Liebe – Gedanken zur Kreisverkehrsvortrittsgesetzesänderung

23. Dezember

Vortrittsregeln (und auch alle anderen Verkehrsregeln) sind so eine Sache hier. Die einzige Regel, die es nach meiner bisherigen Er-Fahrung durchwegs zu beachten gilt, ist: «Rechne jederzeit mit allem.»

Die praktizierte Vortrittsregel im Kreisverkehr wirkt für uns verkehrt. Hier wird nämlich konsequent Rechtsvortritt angewandt: Alle dürfen (von rechts kommend) in den Kreisel reinfahren, niemand kann (da von links kommend) den Kreisel verlassen. Das Resultat ist Stau im Kreisel. 

BIENVENUE A N’DJAMENA liest man, wenn man vom Flughafen her kommend in den den ersten Kreisverkehr einfahren will. Allerdings ist es mit der “Will-kommenskultur für die von weit her nicht so weit her: Gemäss N’DjamenAllgemeinwissen ist dies der einzige Kreisverkehr, bei dem man als “in-den-Kreisel-Eindringling” nicht Vortritt hat.

Aber: Per Gesetz vom 20. Oktober 2023 gilt neuerdings offiziell, dass das Fahrzeug im Kreisel Vortritt hat. Seit 18. Oktober 2024 habe ich auch mehrere diesbezügliche SMS vom Verkehrsministerium erhalten. Dies hat aber in der Praxis noch nicht zu Klarheit in den zwischenverkehrsteilnehmenden Beziehungen beigetragen. Im Gegenteil: Die Grundregel «Rechne jederzeit mit allem» gilt um so mehr. Denn jetzt können Verkehrsteilnehmende aufgrund des traditionellen Wegrechts weiterhin ungebremst in den Kreisverkehr einfahren, während andere denken Recht zu haben, wenn sie von links kommen. 

Wie also kann die neue Regel auf dem sandigen, verschlaglöcherten Boden der Realität des tschadischen Verkehrs ankommen? Indem man sich sein Recht nimmt, oder indem man anderen den Vortritt lässt. Gewalt oder Liebe? 

Im Rahmen eines Selbstexperiments erkunde ich diese Frage. Da wir weder Voll- noch Leerkasko-Versicherung für unser ungepanzertes Fahrzeug haben, ist ersteres («mir mein Recht nehmen») ausgeschlossen. Daher ist meine Versuchsanordnung, dass ich mir selbst Folgendes versuche anzuordnen: 

Ich wende (A) das neue Gesetz insofern an, als dass ich den Fahrzeugen, die sich bereits im Kreisel befinden, den Vortritt lasse. Damit stosse ich: 

  • zuweilen auf Unverständnis, der sich im Kreisel Befindenden, gefolgt von einem beglückten Nutzen des Vortritts, 
  • zuweilen auf Unverständnis derjenigen hinter mir, die mit Hupen bekunden, dass mein Fahrstil zu defensiv sei
  • insgesamt auf überwiegend freundliche Reaktionen 

Ich wende aber auch (B) das traditionelle Wegerecht an, in dem ich Fahrzeugen, die sich mit erheblicher Geschwindigkeit oder sonstigen Zeichen von Zuversicht (z.B. Gesichtsausdruck der Zufahr-Sicht) dem Kreisverkehr nähern, den Vortritt lasse. Damit stosse ich: 

  • auf keine anderen Fahrzeuge

In dem Ganzen versuche ich, nur so weit bzw. so lange Vortritt zu gewähren, dass ich nicht zum Verkehrshindernis werde. Kurz: Ich versuche den anderen Verkehrsteilnehmenden so zu begegnen, wie ich mir wünsche, dass sie mir begegnen. Nächstenliebe. Dieser Begriff erhält bei dem sich dicht gedrängten Aneinandervorbeiwursteln sowieso eine neue, wortwörtlich naheliegende Bedeutung. 

Das bringt mich ab- und den Kreis(el) schliessend zu einem kürzlich entdeckten Zitat von Napoleon, der sich zu Jesus geäussert hat, welcher sich ja auch zum Thema Nächstenliebe geäussert hat: 

«Ich kenne die Menschen und ich sage euch, dass Jesus Christus kein gewöhnlicher Mensch ist. Zwischen ihm und jeder anderen Person in der Welt gibt es überhaupt keinen Vergleich. Alexander, Cäsar, Karl der Grosse und ich haben Reiche gegründet. Aber worauf beruhten die Schöpfungen unseres Genies? Auf Gewalt. Jesus Christus gründete sein Reich auf der Liebe; und zu dieser Stunde würden Millionen Menschen für ihn sterben.»

Napoleon Bonaparte. Zitiert in Frank S. Mead, The Encyclopedia of Religious Quotations, Westwood, Fleming H. Revell, Seite 56

Während ich auch heute unter gelegentlichen Stossgebeten versuche, meine Stosstangen unbeschädigt und unbeschadend durch den n’djamenäischen Verkehr zu bewegen, dürft ihr noch alles ausmalen, was auf dem Ausmalbild weiss geblieben ist.

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